Position: Aktuelles
Liebe
ForseA-Mitglieder,
liebe Leserinnen und Leser,
der Frühling hat es nach einem späten, aber dennoch für
unsere Verhältnisse langen Winter gerade noch rechtzeitig zum Osterfest
geschafft, einzuziehen. Ostereier können also im Grünen statt
im Schnee gesucht werden.
Manche Nachrichten und Infos der vergangenen Tage und Wochen können
wir nur noch als "faule Eier" bewerten. In Baunatal soll eine
Einrichtung des ambulant betreuten Wohnens für acht behinderte
Menschen gebaut werden. Das klingt zunächst recht positiv. Schließlich
fordern wir mit unserer Kampagne "Marsch aus den Institutionen
- Reißt die Mauern nieder" den Ausbau ambulanter Wohn- und
Hilfestrukturen. Nicht jeder Mensch mit Behinderung kann oder will mit
dem Arbeitgebermodell alleine in einer Wohnung leben. Manche bevorzugen
es mit anderen zusammen in eine Wohngemeinschaft zu ziehen. Dies gilt
häufig gerade für diejenigen, die nicht sehr viel Assistenz
benötigen wie zum Beispiel Menschen mit geringem Assistenzbedarf
oder für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Diese sind nicht oft
darauf angewiesen, rund um die Uhr eine Assistenzperson zur Seite zu
haben, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.
Warum also von "faulen Eiern" reden, wenn unsere Forderungen
umgesetzt werden? Wir wollen zwar verschiedene Formen ambulanter Unterstützung
vorfinden. Das heißt jedoch nicht, dass jede ambulante Wohn- und
Hilfeform für jeden behinderten Menschen die geeignete ist, nur
weil "ambulant draufsteht". Hilfeleistungen werden den behinderten
Menschen nur dann gerecht, wenn diese ihr gesetzlich manifestiertes
Wunsch- und Wahlrecht ausüben können. Das heißt, sie
müssen selbst entscheiden können, ob sie mit dem Arbeitgebermodell
wohnen wollen, einen ambulanten Dienst in Anspruch nehmen, oder in betreutes
Wohnen ziehen, bei dem die Hilfen in der Regel lediglich innerhalb der
betreuten Wohnanlage zur Verfügung stehen.
Gerade die Baunataler (Bau-)Pläne lassen das Schlimmste befürchten:
Der Landkreis Kassel kündigt den Baunataler Werkstätten als
Bauherrn Zuschüsse zwischen 50.000 und 125.000 Euro an. Die Höhe
des Zuschusses richte sich jedoch danach, wie hoch die Einsparungen
für den Landkreis durch den Bau der betreuten Wohneinrichtung ausfallen.
Und genau hier liegt der Knackpunkt: Einsparungen können nur dort
erfolgen, wo weniger Leistungen als seither bezahlt werden müssen.
In der Praxis heißt dies, dass behinderte Menschen mit einem hohen
Hilfebedarf (bis rund um die Uhr), die jetzt selbstbestimmt in einer
eigenen Wohnung leben, in dieses betreute Wohnen ziehen und sich dort
zu mehreren das Pflege- und Hilfspersonal teilen müssten. Mit der
Freiheit seinen Tagesablauf selbst zu bestimmen, kommen und gehen können,
wenn es das Bedürfnis ist, wäre es dann vorbei.
Diese Befürchtungen sind leider keine dummen Hirngespinste. Wie
ForseA bekannt wurde, wird jetzt schon Druck auf Menschen ausgeübt,
die nach Fertigstellung dort einziehen sollen. Und das sind Menschen,
die derzeit mit persönlicher Assistenz in eigenen Wohnungen leben.
Das Fatale an der ganzen Situation ist, dass wir einerseits verschiedene
Wohn- und Lebensformen fordern (müssen), um den Bedürfnissen
aller gerecht werden zu können. Gleichzeitig aber agieren die Kostenträger
völlig an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen vorbei
und untergraben ausschließlich aus Kostengründen deren Wunsch-
und Wahlrecht. Fordern wir jedoch radikal das Arbeitgebermodell mit
der Persönlichen Assistenz als einzig wahre Alternative des Lebens
und Wohnens würden viele Menschen mit ihren Bedürfnissen "auf
der Strecke bleiben".
Übrigens lautet eine der Begründungen für den Bau, behinderte
Menschen würden in einer eigenen Wohnung vereinsamen. Und damit
werden ausgerechnet diejenigen konfrontiert, die sich seit Jahren ein
soziales Umfeld geschaffen haben. Das Herausreißen daraus und
das Zusammenferchen in einer Einrichtung - selbst wenn sie als ambulant
bezeichnet wird - ist mit Sicherheit keine "Befreiung aus der Isolation",
sondern der blanke Hohn.
Wir wünschen Ihnen allen ein schönes Osterfest mit nur genießbaren
Eiern im Nest
Elke Bartz
Vorsitzende ForseA