Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
Position: Projekte > 2004 Marsch

Marsch aus den Institutionen:
Reißt die Mauern nieder!

Roman Deserno, Berlin

Da ich fast dreißig Jahre in Heimen leben musste, glaube ich berechtigt zu sein, das Leben in Heimen generell zu beurteilen. Heime sind grundsätzlich rechtlose Orte. Durch den Personalmangel, der dort ständig steigt, kann dort weder unterlassene Hilfeleistung, noch permanente Ruhestörung – man kann ja niemals ausschlafen – strafbar sein. Der Mundraub, man kann ja niemals in Ruhe essen – es wird ja abgeräumt – ist dort selbstverständlich. Die ständige begrenzte Notdurft, auch wann, ist dort unumgänglich, wenn man dabei Assistenz benötigt. Der Privatbesitz ist aus Platzmangel auf´s äußerste eingeschränkt. Vom Recht auf ein eigenes Zimmer – Privatleben – kann keine Rede sein.

Selbstverständlich besteht für einen Heimbewohner nicht der geringste Einfluss darauf, wer einem assistiert bzw. nicht assistiert. Von freier Ärztewahl kann schon gar keine Rede sein. Man hat dort einfach zu funktionieren oder man wird ruhiggestellt. Wer denkt da an Mord. Ich habe zwei Mordversuche – Ruhigstellungen – überlebt. Vom Recht auf einen Anwalt kann keine Rede sein. Man ist ja kein Bürger, sondern nur Heimbewohner. Erpressungen sind in jeder Heimordnung festgeschrieben bzw. gang und gebe – wenn du nicht das befolgst, passiert das. Jeder Patient zählt die Tage seines Krankenhausaufenthalts. Was soll ein Heimbewohner zählen? Selbstverständlich ist es absurd, wenn ein Heimbewohner mal den Wunsch hat, zu essen, worauf er gerade Appetit hat. Liegt ein Heimbewohner im Sterben, müssen natürlich alle anderen auf jegliche Hilfe verzichten – die Schwester kann sich ja nicht zerteilen. Jede andere Pflegestation, die so arbeitet, würde man nach meiner Meinung schließen. Handelt es sich jedoch um ein Heim, sagt man natürlich, das Personal kann nicht mehr als arbeiten. Ist von einem Seniorenheim die Rede, wird gerne gesagt, die alten Menschen merken das ja gar nicht mehr. Das finde ich eine Unverschämtheit. Denn selbst Tiere merken, wenn es Ihnen gut geht. Da helfen auch keine Pillen. Bei jungen Menschen sagt man gerne, sie haben ja die freie Wahl. Das ist verlogen! Die meisten Heimbewohner kennen ja nichts anderes oder man hat sie soweit programmiert, dass sie sich nichts anderes mehr vorstellen können. Oder meinen Sie ich wäre dreißig Jahre drinnen geblieben, wenn es nicht so wäre.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie Kontrollen auch wenn sie täglich wären, die Heimsituation ändern können. Weder durch Kontrollen noch durch Heimmodernisierung, kann man das Personal vermehren. Kontrollen können sogar das Gegenteil bewirken. Sie können feststellen, dass das Personal aus einer gewissen Stresssituation handelt. Auch wenn es stimmt, was hat der Heimbewohner davon? Ändern würde sich diese Situation doch nur, wenn man pro Heimbewohner einen Assistenten einstellen würde, was ja völlig utopisch ist. Darum bin ich mir sicher, dass jeder Heimneubau unsere Lebensgefahr erhöht!

Für meine Lebensrettung bin ich den Ambulanten Diensten e.V. sehr dankbar.

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