Der Preis der Würde
Herr Florio möchte normal leben, doch das ist teuer
TAMM. Der behinderte Antonio Florio möchte ein unbehindertes
Leben in einer eigenen Wohnung führen. Doch das scheint unbezahlbar,
weil der Rollstuhlfahrer ständig Hilfe braucht. Antonio Florio
kämpft und häuft Schulden an.
Von Verena Mayer
Am Ende dieses Tages wird Antonio Florio sagen, dass es ein guter
Tag gewesen sei. Lang und anstrengend, aber gut. Solche Tage hat der
30-Jährige in den vergangenen zweieinhalb Jahren nicht viele gezählt.
Der heute hatte mit einem Vortrag begonnen.
"Der behinderte Mensch darf nicht nur als finanzieller Kostenfaktor
gesehen werden. Er ist ein für die Humanität der Gesellschaft
wertvoller Mensch mit Würde", sagt der Redner zum Thema "Zukunft
der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung". Unter
den Zuhörern bei der Fachtagung in Hohenheim ist auch Antonio Florio.
Er lächelt. Schöne Worte sind das. "Aber alles Theorie",
sagt er. "Blanke Theorie." Florio kämpft seit zweieinhalb
Jahren um seine Würde, aber die ist teuer. Auch er wird an diesem
Tag einen Vortrag präsentieren. Er wird seine Geschichte erzählen,
und danach werden die Zuhörer sehr still sein.
Es war im Mai 2002, als Antonio Florio in seine eigene Wohnung in Tamm
gezogen ist. Heute sagt er über seinen Umzug: "Ich war wie
ein Schmetterling, der fliegt. Meine Flügel sind aufgegangen."
Florio ist seit seiner Geburt spastisch gelähmt und deshalb auf
den Rollstuhl angewiesen. Egal, was er tut, er braucht dabei Hilfe,
ungefähr zwölf Stunden am Tag. Haare kämmen, Nase putzen,
Aufstehen, Ausgehen, Einkaufen, Essen und bei allem andern auch. Bis
zum Mai 2002 hat Antonio Florio acht Jahre lang in einer Wohngemeinschaft
der Insel gelebt. Insel steht für "Initiative Selbstständiges
Leben Behinderter im Landkreis Ludwigsburg", und in deren 14 Wohnungen
sollen 49 behinderte Menschen so selbstständig wie möglich
leben. Ambulant betreutes Wohnen heißt dieses Modell, bei der
es Wohngruppen gibt, und Fachkräfte, leitende, hauswirtschaftliche
und pflegende.
Seit Antonio Florio nicht mehr bei der Insel wohnt, stellt er seine
Kräfte selbst ein. Er bestimmt, wann es was zu Essen gibt, er kann
das Haus verlassen, wann er möchte, er führt Vorstellungsgespräche,
erstellt Dienstpläne, macht die Buchführung und zahlt Sozialabgaben
für seine beiden hauptamtlichen Pflegekräfte. Diese Version
des selbstbestimmten Lebens heißt Arbeitgebermodell. Antonio Florio
sagt, dass er sich seit dem Auszug enorm entwickelt habe. Doch das Landratsamt,
das als Sozialhilfeträger für den Großteil der Pflegekosten
aufkommen muss, sagt was anderes. Es sagt, dass ein Arbeitgebermodell
in diesem Fall zu teuer ist.
Als Florio in Schwieberdingen bei der Insel wohnte, kostete das den
Landkreis rund 2800 Euro im Monat. Für das Arbeitgebermodell sollte
er 4700 Euro bezahlen. "Unverhältnismäßige Mehrkosten",
argumentierte das Amt vor dem Verwaltungsgericht.
Diese Summe sei für den "geltend gemachten Gewinn an Lebensqualität"
nicht zu rechtfertigen. Das Verwaltungsgericht gab dem Landkreis zwar
Recht, schlug aber einen Vergleich vor. Wenn das Amt Florio künftig
3600 Euro im Monat bezahlt, könne der Fall erledigt sein. Doch
das Amt lehnte ab - zu teuer. So bekommt Florio weiterhin jene 2800
Euro, die auch bei der Insel angefallen sind, plus Zuschlag von rund
400 Euro, weil alleine manches teurer ist als in der Gruppe. Florio
hat nicht aufgegeben. Aber Schulden hat er. Inzwischen mehr als 30000
Euro, einen Großteil davon bei seinen zwei Helfern.
Beate Vorwald hält Antonio Florio einen Becher mit Kaffee und einem
dicken Strohhalm in den Mund und rückt ihm die Brille zurecht.
Es ist halb zwölf. Vor etwa fünf Stunden ist sie zu "Toni"
nach Hause gekommen, hat ihn aufgeweckt, gewaschen, angezogen und ist
mit ihm zur Tagung gefahren. Beate Vorwald kommt unter der Woche jeden
zweiten Tag zu Florio. Sie macht ihn für die Arbeit zurecht, fährt
ihn mit seinem Auto hin und holt ihn mittags wieder ab. Dann gehen sie
gemeinsam einkaufen oder zur Krankengymnastik, lösen Rezepte bei
der Apotheke ein oder besuchen Tonis Freunde. Beate Vorwald putzt, wäscht,
kocht und kümmert sich um ihren Chef, bis sie abends um elf nach
Hause fährt. Am Wochenende kommen Freunde, Studenten oder ehemalige
Zivildienstleistende der Insel. Sie sind als geringfügig Beschäftigte
angestellt.
Beate Vorwald arbeitet seit zweieinhalb Jahren für den Behinderten
der Pflegestufe drei. Geld hat sie seither nur selten bekommen. Dafür
oft Unverständnis. Wie man das nur tun könne - arbeiten für
nichts und wieder nichts. Die gelernte Haus- und Familienpflegerin hält
trotzdem zum Toni. Sie findet das Arbeitgebermodell gut und sie mag
ihren Chef, so sehr, dass ihr der Mensch wichtiger ist als das Geld.
"Ich kann ihn doch nicht hängen lassen", sagt sie - und
dass sie sich mittlerweile für diese Gesellschaft schäme.
Der Toni führe ja kein aufwendiges Leben, er wolle doch nichts
anderes als andere auch.
Es ist nur so viel teurer als bei anderen. Und bei der Insel, argumentiert
der Landkreis, sei es für Florio "zumutbar" gewesen.
Er sei gut gepflegt und versorgt worden, und "auch das beanspruchte
Maß an Mobilität und Flexibilität namentlich im Freizeitbereich
sei gewährleistet gewesen". Florio habe den Behindertenbus
häufig in Anspruch nehmen können, um sich in Diskos oder zu
Schachturnieren fahren zu lassen. Dass solche Fahrten anzumelden sind,
lasse sich nicht vermeiden. In Familien, wo es nur eine begrenzte Anzahl
an Autos gebe, sei dies auch nicht anders.
Antonio Florio möchte aber nicht in einer Familie leben. "Die
Ironie ist", sagt er, "dass die Insel das Ziel hat, Menschen
mit Behinderung in die Selbstbestimmung zu führen." Doch für
ihn solle dort Endstation sein.
Das Landratsamt hatte vorgeschlagen, einen Pflegedienst zu engagieren
statt Assistenten, das sei günstiger. Tatsächlich jedoch kam
ein Gutachter zu dem Ergebnis, dass ein ambulanter Pflegedienst die
"zeitlich nahe abrufbare Präsenz einer Nichtfachkraft"
in Florios Wohnung gar nicht leisten könne. Das Arbeitgebermodell
sei günstiger. Noch günstiger aber sei auf Dauer das betreute
Wohnen, weil sich dort die Kosten für die Angestellten auf mehrere
Personen verteilen.
Die "Endstation" wäre ein neues Mehrfamilienhaus in zentraler
Lage in Ludwigsburg. Zwei große helle Wohnungen darin gehören
der Insel, und ihr Trägerverein hat dort auch seine Geschäftsstelle
eingerichtet. Dort arbeitet Antonio Florio halbtags im Büro. Sein
Chef Albert Vogel ist der Vorsitzende der Insel und kennt ihn seit 23
Jahren. Er sagt: "Was Herr Florio persönlich geleistet und
erreicht hat, ist enorm. Das verdient jeglichen Respekt." Bis zu
seinem 19. Lebensjahr hat Florio zu Hause bei seinen Eltern gelebt.
Dann zog er in eine Insel-WG nach Schwieberdingen, gegen den Willen
der Eltern. Acht Jahre war er dort, fühlte sich wohl. Dann wollte
er mehr.
Auch Albert Vogel findet, dass Antonio Florio in den vergangenen zweieinhalb
Jahren große Fortschritte gemacht hat. So große, dass ein
betreutes Wohnen bei der Insel "keine geeignete alternative Wohnform"
mehr sei. Deshalb werde ihn die Insel nicht mehr aufnehmen. Die Lösung
aller Probleme ist das allerdings nicht. Denn der Vereinsvorsitzende
sagt auch, dass das Landratsamt wohl kaum gewillt sei, einen Präzedenzfall
zu schaffen. Antonio Florio wäre der erste Behinderte, der das
Arbeitgebermodell im Kreis Ludwigsburg nutzen würde.
Als Antonio Florio im Mai 2002 zum Arbeitgeber wurde, hat er sich einen
Anwalt genommen, der ihm helfen sollte, das Geld vom Landratsamt zu
bekommen. Der Anwalt hatte viel Erfahrung mit solchen Fällen, und
er kündigte Florio an, dass der Weg für ihn zum "Horrortrip"
werden könnte. Inzwischen hat er sein Mandat abgegeben. Die Wahrscheinlichkeit,
auch nur in die Berufung zu kommen, sei nicht sehr groß, meinte
er. Der neue Anwalt will es dennoch versuchen und ihm dabei helfen,
die Schulden bezahlen zu können. Gleichzeitig hat Antonio Florio
beim Landratsamt einen neuen "Antrag auf Hilfe in besonderen Lebenslagen"
eingereicht. Damit er, falls der Anwalt scheitert, seine Angestellten
trotzdem behalten und sie wenigstens künftig bezahlen kann.
Nun, so hat Antonio Florio ausgerechnet, würde er mit 3900 Euro
vom Landratsamt zurechtkommen. Dafür hat er Beate Vorwald ihren
untertariflichen Lohn gekürzt und seinen zweiten hauptamtlichen
Assistenten von der Gehaltsliste genommen. Dieser ist nun offiziell
bei der Evangelischen Gesellschaft (Eva) in Stuttgart beschäftigt,
fährt aber weiterhin jeden zweiten Tag nach Tamm. Florio kann so
Geld sparen, unterm Stich kommt diese Rechnung die öffentliche
Hand dennoch teurer. Weil die Eva bei der Pflegekasse höher abrechnen
kann als Antonio Florio.
Am Ende dieses Tages gönnt sich Antonio Florio eine Pizza vom Lieferservice.
Es war ein guter Tag, seine Präsentation hat Eindruck gemacht.
"Ich hab denen mal die Realität gezeigt", sagt Antonio
Florio zwischen den Bissen, die ihm Beate Vorwald in den Mund schiebt.
Es war auch ein langer und anstrengender Tag, dennoch hat er Antonio
Florio Kraft gegeben. "Ich ziehe hier nicht aus", sagt er.
Doch drohend klingt das nicht. Es klingt, wie wenn jemand lange gekämpft
hat und sich selbst Mut machen möchte.
Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 21. Januar 2005
Wir bedanken uns bei der Autorin und der Stuttgarter
Zeitung für die Genehmigung der Übernahme,
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