Stefan
Göthling
Bundesgeschäftsführer des Netzwerk People First Deutschland
e.V.
Statement anlässlich des 15. Jahrestages der Maueröffnung
Der 9. November hat für mich etwas ganz persönliches. Denn
gerade heute Morgen bin ich an dem Platz vorbei gegangen, an dem ich
vor 15 Jahren mit einer brennenden Kerze in der Hand gestanden habe
und mit gerufen habe „Wir sind ein Volk“ und „keine
Gewalt“. Neben mir stand ein Freund mit vielen Tränen in
den Augen, denn seinen Bruder hatte die Staatssicherheit ein paar Tage
zuvor eingesperrt. Und weiter auf dem Weg zum Bahnhof ging mir der Gedanke
durch den Kopf „damals bin ich mit dem Zug nach Worbis gefahren
und heute kann ich in den Westen nach Kassel fahren“.
Aber wenn ich mir all dies heute so überlege, frage ich mich:
„Ist das alles wirklich so gut wie wir damals gehofft und gedacht
haben?“ Denn kurz vor dem Bahnhof kam mir der Fahrdienst der Werkstatt
für behinderte Menschen entgegen, in der ich selbst lange Zeit
gearbeitet habe. Damals sind meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen
alle selbständig zur Arbeit gefahren und heute werden sie gefahren
- weil es Geld bringt. Oder ich denke nur an die gestrige Redaktionssitzung
zurück, wo wir vom Netzwerk People First Deutschland uns mit den
Vorkommnissen in Hadamar beschäftigt haben. Dabei habe ich erfahren,
dass heute immer noch Menschen mit Behinderungen in derselben Einrichtung
leben müssen, in der vor über 50 Jahren über 15.000 Menschen
getötet worden sind. Na klar weiß ich, dass auch Menschen
mit Behinderungen in der DDR nicht gelebt haben, wie sie leben wollten
und sollten, aber wo ist die große Freiheit für Menschen
mit Behinderungen? Je länger die Wiedervereinigung da ist, je mehr
vermisse ich die große Freiheit für Menschen mit Behinderungen.
Wenn ich die vielen tausend Menschen sehe, die noch in Einrichtungen
leben müssen, frage ich mich: „Sind wir wirklich ein
Volk?
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