Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
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Marsch aus den Institutionen:
Reißt die Mauern nieder!

Leben in einem deutschen Behinderten"heim"

Der nachfolgende Brief wurde uns von einer behinderten Frau zugesandt, die ihre persönlichen Situation und ihre Erlebnisse beim Besuch ihrer ebenfalls behinderten Freundin in einem "Heim" schildert. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Anke Kaynig dafür, dass wir diesen sehr persönlichen Brief veröffentlichen dürfen.

….zuerst einmal stelle ich mich vor: ich heiße Anke Kaynig, bin 24 Jahre alt, wohne in Ratingen und leide seit meiner Geburt an einer Tetra-Spastik, die das Fortbewegen nur mit einem Rollstuhl ermöglicht. Im Moment lebe ich noch zusammen mit meiner 17-jährigen Schwester bei meinen Eltern im Haushalt. Für Ausflüge benutze ich einen Elektro-Rollstuhl, in der Wohnung einen Aktiv-Rolli.

Im Berufsbildungswerk in Neuwied habe ich vom 25. 07. 2001 bis zum 05.07. 2004 eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten absolviert. Während dieser Zeit lebte ich dort die Woche über in einem Internat. Dort ging es mir eigentlich noch relativ gut, da ich zum Glück selbstständig auf die Toilette und ins Bett gehen kann. Meine Freundin kann das nicht: Sie musste sich immer in Pflegepläne eintragen, und es kam durchaus vor, dass sie 3 Mal pro Woche um 21.00 Uhr ins Bett verfrachtet wurde, obwohl sie 24 Jahre alt ist, von den Wartezeiten, wenn sie Toilettenhilfe benötigte, einmal ganz abgesehen: Am besten sagte man 2 Stunden vorher Bescheid, damit jemand kam, wenn es wirklich dringend wurde.

Ich war zum Glück "nur" auf den Duschplan angewiesen, aber auch das konnte nerven: Wenn wir gerade gemeinsam für die Klausuren bzw. Abschlussprüfung paukten, kam fast immer eine Schwester und sagte: "Anke, komm' du musst jetzt duschen, später habe ich keine Zeit mehr." Da kam man dann oft vollkommen aus wichtigen Gedanken heraus. Als wir es uns dann auch noch "erlaubten", in die Abendunterweisungen unserer Dozenten zu gehen, da wir vorhatten, die Prüfung zu bestehen, gab es erst mal Diskussionen: Bei mir musste man den Duschplan umstellen, das war für die Pflegefrauen des Internates schon ziemlich viel, aber es kam noch schlimmer für sie: Sie konnten meine Freundin doch tatsächlich dienstags und donnerstags nicht mehr um 21.00 Uhr ins Bett verfrachten!!! Nein, sie mussten organisieren, dass an diesen beiden Tagen die Abendpflege noch um 23.00 Uhr geleistet wird: Das war für uns beide schon ein harter Kampf.

Am Wochenende war es für diejenigen, die nicht wie ich alleine aufstehen konnten, noch besser: Wer nicht nach Hause fuhr, musste sich fürs Wochenende auch noch in Aufstehpläne eintragen, und es kam nicht selten vor, dass meine Freundin um 7.30 Uhr am Wochenende aufstehen musste, nur weil später das Pflegepersonal keine Zeit hatte. Am Wochenende war ja nur eine Schwester für 27 Leute da, die Aufstehhilfe brauchten, wenn nicht viele nach Hause fuhren!

Nun ja, die Ausbildung konnten wir zum Glück beide zeitgleich und erfolgreich abschließen. Ich zog zunächst wieder ins Elternhaus zurück, konnte jedoch leider bisher in der Umgebung meines zu Hauses keine Arbeitsstelle finden. Da sagt meine Mutter natürlich auch zu Recht: "Wenn das mit der Arbeitsstelle hier in der Umgebung Düsseldorfs nicht klappt, kommst du nicht drum herum, dich in ferneren Städten zu bewerben. Dann musst du dich an den Gedanken gewöhnen, umzuziehen."

Meine Freundin wurde von ihren Eltern nie unterstützt: Sie hat dieselbe Behinderung wie ich, kann aber wie oben erwähnt nicht alleine zur Toilette und ins Bett. Da sich ihre Eltern um nichts kümmerten, und wir am Tag des Bestehens der Prüfung aus dem Internat ausziehen mussten, ging meine Freundin notgedrungen in ein Heim. Ihre Eltern können ihre Pflege nicht leisten. Da dieses Heim zufälligerweise in meiner Nähe ist, habe ich sie dort schon des Öfteren besucht: Ich war immer deprimiert, wenn ich dort rein kam: Nur die Betreuer oder Pfleger dürfen einem dort die Tür öffnen.

Wenn meine Freundin das Heim verlassen möchte, muss sie um Erlaubnis bitten und bekommt gesagt, dass sie um 17.00 Uhr zurück sein müsse, dann gäbe es nämlich Abendessen. Einmal habe ich bei ihr übernachtet, weil wir am nächsten Tag einen Ausflug zusammen machen wollten: Ich kam dort an und stellte meine Tasche in ihrem Zimmer ab: Um 17.00 Uhr gab es dort Abendessen. Hunger hatte ich um diese Zeit nicht, aber später hätten wir ja nichts mehr bekommen!!! Es gab Suppe, die mir nicht schmeckte, aber in Behindertenwohnheimen isst man das, was auf den Tisch kommt!!! Ich aß ein paar Löffel und wich dann auf Schokolade aus, die ich Gott sei Dank mitgebracht hatte. Bereits zu diesem Zeitpunkt dachte ich: "Gut, dass wir Morgen einen Ausflug machen, und noch besser, dass ich danach sofort nach Hause kann!"

Es kamen aber noch ein paar Kostproben mehr: Eine Schwester holte nach dem Abendessen den Duschplan, las vor, wer noch duschen muss, schickte die betroffenen Personen um 17.30 Uhr duschen und anschließend Zähne putzen und Schlafanzug anziehen. Es gab dann noch die Möglichkeit, bis 20.30 Uhr Fernsehen zu gucken. Natürlich musste sich die gesamte Gruppe abstimmen, was geguckt wird. Um 20.30 Uhr wurde meine Freundin und auch die anderen Heimbewohnerinnen und Heimbewohner ins Bett verfrachtet.

Ich bekam im Zimmer meiner Freundin ein Gästebett aufgestellt, bei dem man jede einzelne Sprungfeder spüren konnte und habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Ich war nur froh, dass ich wusste: "Morgen sind wir den ganzen Tag unterwegs und abends holt meine Mutter mich ab und wir fahren nach Hause." Andernfalls hätte ich einen Schreikrampf bekommen. Eins ist seitdem ein für alle Mal klar: In ein Heim gehe ich niemals. Auch habe ich im Rahmen der Ausbildung Praktika in Altenheimen absolviert. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich nachmittags nach Hause kann (während der Praktika war ich zu Hause, und nicht im Internat) wäre ich auch hier eingegangen, glaube ich.

Mein Hilfebedarf sieht in etwa so aus: Aufstehen und mich waschen und anziehen kann ich zum Glück alleine, aber beim Duschen ist Hilfe zum Umsetzen vom Rollstuhl auf den Duschsitz erforderlich und umgekehrt, da ich hier ausrutschen und stürzen würde. Kochen ist gänzlich unmöglich, da bei Spastikern die Gefahr besteht, dass sie sich kochende Töpfe auf die Beine ziehen würden. Fleisch muss man mir klein schneiden. Mein größtes Problem sehe ich jedoch im Moment in der Mobilität: Da die Spastik wie oben beschrieben durch einen Gehirnschaden verursacht wird, ist klar, dass hierbei immer auch andere Funktionen des Gehirns in Mitleidenschaft gezogen werden, und so kommt es, dass ich quasi über keinerlei Orientierungssinn verfüge. Das bedeutet, dass ständige Begleitung außer Haus nötig ist. Hinzu kommt, dass es Spastikern aufgrund der plötzlich einschießenden unkontrollierten Bewegungen und der dadurch verursachten erhöhten Unfallgefahr gesetzlich nicht möglich ist, die Führerscheinprüfung zu absolvieren und die Fahrerlaubnis zu erlangen. Folglich - was soll man tun? - bin ich im Moment für jeden Meter auf meine Eltern angewiesen. Wenn ich zur Krankengymnastik muss, fährt mich meine Mutter. Will ich in die Stadt, begleitet mich meine Schwester. Will ich eine Freundin besuchen, kann ich den Termin nur so absprechen, dass meine Eltern mich hinfahren und auch wieder abholen können. Zu Ausstellungen und Messen kann ich nur gehen, wenn meine Eltern Lust dazu haben.

Zwar wird meine Schwester im Sommer ihren Führerschein machen, aber ich möchte sie doch nicht ständig belasten. Ziemlich sicher ist auch, dass sie nicht immer zu Hause bei mir wohnen wird. Sie will schließlich studieren und Auslandaufenthalte machen. Später wird sie sicher eine eigene Familie gründen wollen, und ich möchte ihr wohl nicht ihre Zukunftspläne verbauen. Meine oben erwähnte Freundin löst dieses Problem im Moment mit Fahrdiensten und Taxen, hat dafür aber in Monaten, wo sie z. B. 2 Mal nach Köln gefahren ist, über 400 Euro in einem Monat bezahlen müssen, und das ist auf Dauer nicht tragbar. Beim Sozialamt hat sie Freifahrten für 300 km pro Monat durchgeboxt. Damit kann sie aber noch nicht mal von Velbert bis nach Essen und wieder zurück fahren. Das haben wir mal ausgerechnet, weil wir dort einkaufen wollten. Freunde, die weiter entfernt wohnen, lassen sich mit dieser Lösung leider nicht bzw. nur mit unerträglichem Kostenaufwand besuchen. Freundschaften auf Entfernung halten meistens nicht sehr lange.

Ich fände es toll, wenn man zumindest später, wenn ich wirklich mal wegen meiner Arbeitsstelle zu Hause ausziehen würde oder meine Eltern das nicht mehr leisten können, jemanden finden würde, der mich zumindest dahingehend unterstützt, dass ich ab und zu Mal eine unbegrenzte Strecke fahren kann, um Freunde zu besuchen, Städte zu besichtigen, auf Messen zu gehen oder einfach nur mal bummeln zu gehen, trotz der Orientierungsschwäche und des Lebens ohne Führerschein…

Mit freundlichen Grüßen
Anke Kaynig

 

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