Manfred
Keitel, Mainz
Geboren wurde ich 1971 in Alfeld bei Hannover, mit einer (langsam)
voranschreitenden Muskelschwäche. Zwischen 1989 und 1995 lebte
ich auf dem Gelände des Antoniushauses in Hochheim. Bis 1994 war
ich Internatsschüler, danach offiziell als "Bewohner"
im Erwachsenenwohnbereich" (EWB).
Bereits 1992 wechselte ich zum "EWB", da ich keinen guten
Kontakt zu Angehörigen hatte und irgendwo wohnen mußte. Es
gibt dort zwei Gruppen auf zwei Etagen mit schwerstmehrfachbehinderten
Leuten, die Körper, Sprach- und Lernschwierigkeiten hatten. Die
andere Gruppe hieß sinnigerweise "EWB 2". Die behinderten
Menschen bezeichneten das Personal in der Einrichtung meist als "Mitarbeiter",
was recht neutral klingt. Auf Euphemismus werde ich in meinem Artikel
allerdings weitgehend verzichten.
In jeder Gruppe des EWB lebten etwa 15 Menschen beiderlei Geschlechts,
vereinzelt Internatsschüler. Es gingen immer wieder Leute von dort
weg, oft nur zur nächsten Einrichtung. Die Belegung nahm bis zu
meinem Auszug in eine eigene Wohnung, 1995, zu. Bis zum Schluß
gab es keinen behindertengerechten öffentlichen Nahverkehr, der
mich unabhängiger gemacht hätte.
Das Gelände selbst war recht groß. Neben Berufsfachschulinternat
(mit Schule) und den EWB's gab es noch das Sonderschulinternat mit Kindern.
Vereinsamung war für viele dennoch an der Tagesordnung, Kontakte
fanden in der Regel nur unter den Insassen statt. Und die hatten sich
ihre Unterbringung dort nicht ausgesucht. Bestenfalls wurde berücksichtigt,
wer zusammen in ein Doppelzimmer kam, falls er dazu gezwungen war so
zu leben.
Zwischen dem Antoniushaus und Hochheim gab es einen verwilderten Park
mit großer Mauer zum Dorf hin. Das Bild wirkte Idyllisch. Mitarbeiter,
Praktikanten und Zivildienstleistende stellten das Fenster zur Welt
dar. Entsprechend froh war, wer bei jemandem vom Personal anerkannt
und mit Aufmerksamkeit bedacht wurde. Die Gänge im EWB mit ihren
Pflegenotruflampen und Pflegehilfsmitteln vor den Türen, der "Glaskasten"
im Flur und der Geruch des Desinfektionsmittels erinnerten an Krankenhäuser,
was selbst auf Internatsinsassen abschreckend wirken konnte.
Zunächst war ich glücklich, daß ich als Schüler
endlich Ferien erleben konnte. Die frühere Unterbringung bei der
kranken Großmutter - die alle Klischees über behinderte Menschen
auf mich anwenden wollte - war sehr anstrengend und verletzend. Häufig
mußte ich mich wegen Banalitäten heftig wehren. Ihr Weltbild
war braun eingefärbt, was mit ihrer zunehmenden Verwirrung noch
deutlicher wurde. Familienangehörige konnten oder wollten mich
nicht akzeptieren und unterstützen. So erholte ich mich im EWB
eine Zeit lang, konnte mich etwas weiter entwickeln. Das war notwendig,
denn ermächtigende Unterstützung, um auf den eigenen Rädern
zu stehen, gab es weder von der Institution EWB noch von der Familie.
Ich knüpfte weitere Kontakte nach "Außen" und nicht
zuletzt zum ZsL-Mainz. Mit einzelnen Mitarbeitern in der Anstalt EWB
verstand ich mich gut; die haben mir den Rücken gestärkt im
alltäglichen 24-Stunden-Kampf mit der Einrichtung und dem Aufbau
meines Lebens, sie waren konfliktbereit gegenüber der "Heim"leitung.
Und das ist etwas Besonderes.
Das EWB hatte sich im Prospekt zum Ziel gesetzt, Individualität
und Selbständigkeit zu fördern. Dies wurde oft vereitelt,
weil Mitarbeiter als Autoritätspersonen vorgriffen, gleichzeitig
aber eigene Aktivität forderten und uns laufend Passivität
vorwarfen.
Das ganze Gehabe hatte natürlich auch praktische Gründe, da
eigene Entscheidungen den sonst heruntergespulten Tagesablauf verändern
konnten oder Aktivitäten manchmal besprochen werden müssen,
was unter anderem Geld und Zeit kostet. Das war auch vor der Pflege"versicherung"
und den ganzen "Reformen" häufig knapp. Die Zustände
dort werden jetzt ganz sicher nicht besser sein als zu meiner Zeit.
Bereits da wurden Leute als Helfer eingestellt, die kein deutsch sprechen
konnten, obwohl in der Anstalt auch schwer Sprach- *und* Lernbehinderte
waren, die sich dann gar nicht mehr verständigen konnten. Außerdem
gab es viele Mitarbeiter, die ihr Helfersyndrom an uns auslebten, indem
sie uns hilflos machten.
Die Räume, in dem die "Bewohner" lebten, waren viel zu
klein, um dort mit dem elektrischen Rollstuhl wirklich zurecht zu kommen
und entspannt Besuch zu empfangen. Kaum einer konnte sich einen eigenen
Telefonanschluß leisten, das Telefon der Gruppe (dort hin konnte
man angerufen werden, nicht hinaustelefonieren) stand mitten auf dem
Gang, wo jeder mithören konnte. Was blieb da noch an Privatsphäre,
wie sie die meisten Menschen kennen? Zumal sich der Gruppenleiter gehässige
Kommentare oder Einmischungen in das Private der "Bewohner"
nicht verkneifen wollte. Da war auch das privateste Privatleben nicht
vor Einmischung und Publikum geschützt. Wer sich den Luxus eines
Telefons leistete war schlecht zu erreichen, denn wer kann schon den
ganzen Tag über im kleinen Zimmer sitzen und auf das Klingeln warten?
Handys waren gerade erst entwickelt worden und noch extrem teuer.
Hinzu kam das Wissen, daß unser Verhalten notiert und von sämtlichen
Mitarbeitern des Dienstes während der Sitzungen besprochen wurde.
Da darf natürlich keiner der im EWB Untergebrachten aus der Reihe
tanzen.
Daß das mit mir so nicht lief und ich selbst entschied, was ich
mochte oder dachte, brachte mir viel Ärger ein. Sogar auf dem Weg
zur Abschlußprüfung der Schule rief mir der Gruppenleiter
Beschimpfungen hinterher - und ich konnte nichts mehr erwidern, weil
ich mich auf die Prüfungen konzentrieren musste, weshalb ich ja
im EWB war. Grundsätzlich erwartete der Gruppenleiter von mir,
daß ich alles fallen lasse, um mir anzuhören, was ich denken
sollte, und daß ich akzeptieren sollte keine Zukunft zu haben,
während meine Meinung ignoriert oder lächerlich gemacht wurde.
- für die Untergebrachten gab es kein vegetarisches Essen. Ich
hatte mich soweit ich weiß als Einziger durchgesetzt. Das zog
sich jedoch über Jahre hin, während die Versorgung von Vegetariern
unter den Mitarbeitern selbstverständlich war und blieb.
- als mein elektrischer Rollstuhl defekt war und ich abgeholt werden
musste, wurde mir gedroht, daß ich beim nächsten mal nicht
mehr in das Antoniushaus zurück transportiert werde. Was bedeutete,
ich sollte auf dem Gelände des Hauser gefangen sein und sämtliche
lebenswichtigen Aktivitäten und Kontakte aufgeben, dabei machte
mich das "Leben" im EWB bereits schwer depressiv.
- um ein Vorstellungsgespräch für eine Arbeitsstelle aufzusuchen
war ich auf den hauseigenen Bus angewiesen. Die Fahrzeit wurde vom
EWB so festgelegt, daß ich zwei Stunden lang in der Kälte
stand. Es war natürlich wohl bekannt, daß sich dabei meine
Behinderung irrevisibel verschlechtern kann. Mit anderen Terminen
von mir wurde ähnlich verfahren.
- einer meiner Freunde von mir wählte den Freitod, weil er sein
Leben dort nicht mehr aushielt und keine Perspektiven mehr auszumachen
waren oder diese negiert wurden. Er lernte das Leben ausserhalb von
Einrichtungen nie kennen.
- der Gruppenleiter gehörte zu den Leuten, die mich mit meiner
Behinderung erunsichern wollten. Hinweise darauf, daß ich sowieso
nicht selbständig Leben könne, waren der Alltag. Es war
nichts ungewöhnliches dabei, den dort lebenden Leuten Angst zu
machen oder sie gegen einander auszuspielen.
- der Sozialdienst (und nebenbei Öffentlichkeitsarbeiter für
die Presse) vom EWB I verließ brüllend und Türen knallend
meine späteren Arbeitgeber, als ich ihn bat die Interna nicht
mitzuhören, und ließ mich stehen. Er kam zwar zurück,
vielleicht weil ihm klar wurde, daß das Konsequenzen gehabt
hätte. Dennoch war sein Verschwinden mehr als bedrohlich, denn
es gab "damals" noch nicht einmal Niederflurbuse, mit denen
ich ins Heim zurückfahren hätte können.
- bei meinem Auszug erlebte ich sehr viele Schikanen. Die Zuschüsse
zur Wohnungseinrichtung gingen - wie mein gesamtes Geld - zuerst an
den EWB und wurde dann nach Gutdünken an mich ausgezahlt. Ich
bekam immer nur geringe Summen, so daß viele Fahrten notwendig
wurden, gleichzeitig waren kaum Mitarbeiter oder Möglichkeiten
da waren, um die Wohnung einzurichten. Außerdem reichten die
Summen auch nicht für wirklich große Anschaffungen.
Eine Küche hatte ich erst sehr viel später nach dem Bezug
der Wohnung, mit Hilfe einer Sozialarbeiterin der Stadt Mainz, die
dann den Job vom Sozialdienst des EWB übernahm. Der Sozialdienst
hatte ursprünglich eine "Nachbetreuung" zugesichert.
Mir wurde klar, daß dort Leute waren, die versuchten mich in
eine Bauchlandung zu drängen, aber andere hatten das Rückgrad
mich zu unterstützen. Unter anderem die Mitarbeiterin aus dem
EWB, die mir die Waschmaschine schenkte, weil der Sozialdienst (der
*über* mich hinweg handelte trotz meines drängenden Bittens)
die Quittung für die Maschine nicht zum Kostenträger geschickt
hatte und somit nichts erstattet wurde. Sozialhilfe gab es in der
neuen Wohnung dann auch keine - weil er mich abgewimmelt hatte, wenn
ich die Anträge selbst ansehen und in Bewegung bringen wollte.
Auch kam ich nur über Tricks an Fahrzeuge, um die ersten Möbel
zu transportieren.
Diese Negativliste läßt sich fortsetzen, aber es geht mir nicht
darum, möglichst viele Diskriminierungen aufzuzählen. Dies soll
eine Beschreibung der behindernden Auswirkungen auf mich sein während
meines Lebens in der Einrichtung.
Erschwerend für alle dort ist, daß die Bewohner eigene Persönlichkeiten
sind und darüber hinaus verschiedene Stärken und Schwächen
haben. Da im Prinzip auf den "Schwächsten" Rücksicht
genommen werden muss, z.B. im Umgang mit nächtlichem Schreien, Essucht,
individuellen Denkweisen, sollen die "Starken" langsam sein,
am besten ganz stillstehen. Was wiederum auch den "Schwächsten"
trifft, da er seine Stärken genauso wenig oder sogar weniger nutzen
kann, denn Ellenbogen gab es auch dort. Es zählte nicht der ganze
Menschen, sondern Eigenschaften, wegen denen jeder auf die langsamste
Stufe gezwungen werden kann, aufgrund fehlender Möglichkeiten.
Leidtragend waren auch engagierte Mitarbeiter, die gezwungen waren die
Bewohner kurz abzufertigen. Auch sie zahlen mit Gesundheit und Lebensqualität.
Andere Mitarbeiter hatten vermutlich mit großem Interesse angefangen,
wurden aber durch die Strukturen der Einrichtung rücksichtslos und
betriebsblind.
Heute suche ich mit meinem Freund eine neue Wohnung, es soll die gemeinsame
werden! Wir sind seit über vier Jahren zusammen und wir führen
ein Leben, daß in der Anstalt nicht einmal denkbar gewesen wäre.
Zumal die Einrichtung von einer konservativen katholischen Institution
geleitet wurde, mit all den bekannten Feindlichkeiten z.B. gegenüber
Schwulen.
Den Leuten in der Anstalt (wir erinnern uns, sogenannte "Heime"
oder "Einrichtungen") wurden immer wieder falsche Informationen
über das Leben draußen gegeben oder ein schlechtes Gewissen
suggeriert, wenn sie Alltag einforderten. Kluge (und sehr dominante) Ratschläge
kamen von Mitarbeitern, die selbst nicht kompetent dafür waren, aber
Kontrolle ausüben wollten. Wir haben ja schon im Prospekt gelernt:
das EWB unterstützt die Selbstständigkeit.
Ich habe dort nicht gelernt, wie man mit ganz alltäglichen Dingen
umgeht. Die Preise für Lebensmittel kannte ich kaum, denn ich hatte
kein Geld, um mich selbst zu versorgen. Mit ca. 160 DM (80 Euro) im Monat
musste ich schon Hygienebedarf, Zeitungen, Getränke, Versicherung
(ca. 145 DM) und so weiter bezahlen. In großen Abständen gab
es im EWB sogenannte Selbstversorgertage, an denen die Küche des
Hauses frei hatte. Dort lernte ich für eine Gruppe von 15 Leuten
mitzusorgen, nicht aber für mich selbst und meinen Alltag. Welches
normale Leben spielt sich schon in Gruppen mit 15 Personen ab? Es war
die Regel, daß man sich in der Gruppe bewegt hat, und zwar auf möglichst
unkomplizierte Art. Das schließt natürlich ein, daß über
uns verhandelt wurde, ohne daß wir die Verhandlungspartner von Behörden
je zu Ohr oder Gesicht bekamen. Ich hatte keine Möglichkeit zu lernen,
wie man sich in Gesprächen, z.B. auf Behörden, durchsetzt oder
wichtige Informationen erfragt. Die Auswirkungen der Unterbringung in
einer Einrichtung hatte weitreichende Schwierigkeiten für mich nach
sich gezogen, die aber den Rahmen meines Berichtes sprengen würden,
wenn ich sie schildern könnte oder wollte.
Sehr oft nahmen die Auseinandersetzungen und meine Bemühungen im
EWB 1, weil ich mich für Veränderungen in der Anstalt starkt
machte, auch noch meine ganze Kraft in Anspruch. Da war ich naiv genug,
nicht zu merken daß Nicht-Verstehen simuliert wurde, während
ich nach immer neuen Formulierungen suchte.
Ich hoffe, daß ich verdeutlichen konnte, daß "Heime"
nicht "für" behinderte Menschen gebaut werden. Auch nicht
die Behinderteneinrichtungen "für" junge Menschen, für
die in Hessen geworben und geplant wird; selbst Stadtnähe schützt
nicht vor Isolation und Ausgrenzung - zumal die Stadt mit öffentlichen
Verkehrsmitteln selten erreichbar ist. Jede neue Anstalt ist eine Attacke
gegen behinderte Menschen, die keine Wahl haben, ob sie lieber selbstbestimmt
oder im Heim leben möchten. Personal, daß die Chance hat, als
persönliche Assistenz oder ähnliches ausserhalb der kritisierten
Häuser zu arbeiten, lebt auch gesünder und zufriedener.
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