Sonderwelten isolieren und unterdrücken
Ottmar Miles-Paul, Kassel
Nach dem Abschluss der Hauptschule besuchte ich insgesamt sechs Jahre
lang zwei verschiedene weiterführende Internatsschulen für
blinde und sehbehinderte SchülerInnen. Hierzu gab es für mich
damals aufgrund der mangelnden integrativen Angebote für Sehbehinderte
keine Alternative. Nachdem ich während meiner Zeit an der Hauptschule
in meinem Dorf über gute Kontakte und ein funktionierendes soziales
Netz verfügte, wurden diese durch die große Distanz der Sonderschulen
von meinem Heimatort – zuerst 100 km, später 400 km –
schnell brüchig und lösten sich schließlich weitgehend
auf.
Dies wurde durch das sich in mir selbst zusehends festsetzende „Sonderdenken“
verstärkt, denn die Tatsache, dass für mich als Sehbehinderten
die Sonderschule plötzlich die einzige Alternative war, trug nicht
gerade zur Förderung meines Selbstbewusstseins bei. So begann ich
selbst in zwei Welten zu denken und zu agieren: Hier die Sonderwelt
der Sonderschule, dort die Nichtbehinderten, vor denen ich zusehends
Respekt bekam und mich anders fühlte. Von dem, von den Sonderschulen
viel gepriesenen, Integrationsanspruch war in der Praxis wenig zu spüren
– ganz im Gegenteil.
Viele Jahre nach meinem Abschied von dieser Sonderwelt, trotz Universitätsbesuch,
vieler öffentlicher Auftritte, des Mitwirkens im Kasseler Stadtparlament,
sitzt mir die Erfahrung der Aussonderung immer noch in den Knochen und
prägt immer wieder mein Verhalten und Denken. Sich gegen die „Lehren
der Aussonderung“ von damals zu widersetzen und mich als gleichberechtigten
Teil der Gesellschaft zu fühlen, kostet mich heute immer wieder
viel Energie.
Über diesen Schaden, den die Sonderwelten für Behinderte anrichten,
spricht kaum jemand. Deshalb engagiere ich mich in der Kampagne „Marsch
aus den Institutionen: Reißt die Mauern nieder!“. Denn es
gibt noch viele unnötige Mauern der Aussonderung, die niedergerissen
werden müssen. Und es gibt noch sehr viele Menschen, die unter
dieser Aussonderung leiden. Die Sonderwelten richten zum Teil viel mehr
Schaden an, als dass sie angeblich an Nutzen bringen, obwohl es mittlerweile
vielfältige Alternativen gibt.
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