Liane
Petry, Bietigheim-Bissingen
Unterlassene Hilfeleistung von Seiten des Sozialamtes?
Mein Name ist Liane Petry und seit meiner Geburt (1968) bin ich schwerbehindert.
Meine Behinderung nennt sich "progressive Muskeldystrophie",
was bedeutet, dass meine Muskulatur langsam aber stetig abstirbt. Deshalb
bin ich von Kindesbeinen an auf Hilfe und Pflege angewiesen.
Seit 15 Jahren lebe ich in Bietigheim-Bissingen und seit 9 Jahren werde
ich von einem Pflegedienst mit dem allernötigsten, jedoch nicht
wirklich ausreichend versorgt. Mit nicht ausreichend meine ich folgendes:
weder kann ich aufstehen, wann ich will, noch auf die Toilette, wann
ich will, noch essen wann ich will, Mengen trinken, soviel ich will,
die Wohnung aufsuchen und verlassen, wann ich will oder zu Bett gehen,
wann ich will. Die meiste Zeit sitze ich zuhause vor meinem Computer
und bekomme weniger Sonne und Luft als ich bekommen könnte.
Das alles fällt mir auf, weil ich im Internet auf Rollstuhlfahrer
treffe, die das alles können: aufstehen, wann sie wollen, essen
und trinken wann und soviel sie wollen, Ausscheidungen erledigen, wenn
sich diese anmelden, sie gehen (sogar!) in Urlaub! Sie treiben Sport,
treffen sich mit anderen Leuten auf Veranstaltungen und sie gehen ins
Bett, wenn sie müde sind. Sie können die Wohnung verlassen
und aufsuchen so oft und so lange sie wollen obwohl ihre Behinderungen
meist noch beeinträchtigender sind als meine ist. Ich erfahre durchs
Internet auch, dass ich wesentlich mehr Rechte habe, als ich seit Jahren,
nein, seit Jahrzehnten in Anspruch nehme.
Nicht nur durch die Bewusstmachung meiner Rechte, auch durch den höheren
Pflegeanspruch aufgrund des Fortschreitens meiner Behinderung, fordere
ich vom bisherigen Pflegedienst mehr Leistungen. Diese Forderungen werden
mit einer Kündigung quittiert und ich muss mich nach einer neuen
Möglichkeit, meine Pflege abzusichern, umsehen. Ich finde auch
recht schnell eine Firma, die mich nicht nur übergangsweise versorgen,
sondern mir zu dem noch relativ unbekannten Assistenzmodell, wobei behinderte
Menschen im eigenen Haushalt (der Behinderte ist Arbeitgeber) versorgt
werden, verhelfen möchte - wenn der Kostenträger, das Landratsamt,
die dazu unerlässlichen Leistungen übernimmt.
Und hier beginnt mein Problem. Natürlich sagt das Landratsamt nicht:
Herzlichen Glückwunsch, Frau Petry, Sie können jetzt ein fast
normales Leben führen! Nein, sie sagen: das prüfen wir jetzt.
Nichts dagegen, jedoch gestalten sich für mich hierbei einige Fragen:
- Warum hat mich keiner über meine Rechte informiert?
- Warum muss das Landratsamt einen Gutachter vorbeischicken, der
prüft, wie viele Stunden ich gepflegt werden soll, wenn ich doch
seit Jahren Pflegestufe III bin und allein schon die Art meiner Behinderung
eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung rechtfertigt?
- Warum muss meine Pflegestufe nochmals festgestellt werden, obwohl
die Behinderung schon recht bekannt, somit erwiesen aufwändig
ist?
- Wie lange muss ich noch die Hilfe meiner Freunde und Bekannten
in Anspruch nehmen, die sich selbst nicht nur einschränken, sondern
sogar wegen mir Kosten haben, um mir zu helfen?
Eine Antwort kann ich mir geben. Es sind Verzögerungstaktiken.
Laut Gesetz habe ich ein Wunsch- und Wahlrecht, was mir hoffentlich
nicht nur auf dem Papier ein fast normales Leben ermöglicht.
Ein ganz normaler Tagesablauf
Es ist Samstag Morgen 5:25 Uhr. Mein Wecker klingelt. Samstags klingelt
er immer so früh, weil ich um 6 Uhr aufstehe und richtig wach sein
muss. Die Krankenschwestern können es nicht ertragen, wenn man
ein Morgenmuffel ist und auf Ansprache früh morgens mit Abwehr
reagiert. Bis 6 Uhr ist es noch eine Weile hin und ich schalte den Fernseher
ein, jedoch nicht ohne schlechtes Gewissen, denn in meinem letzten Bescheid
der Sozialhilfe stand drin, dass ich für die Stromkosten selbst
aufzukommen habe und sie nicht für Schulden zuständig seien.
Dabei hatte ich mich nur einmal aus Versehen an den falschen Träger
gewandt - die Krankenkasse zahlt nämlich Ladestromkosten für
einen Elektrorollstuhl anteilig. Jedenfalls kann ich durch die ständige
Wiederholung im Sozialhilfebescheid, das steht nämlich seit dem
bei jedem Bescheid drinnen, nicht von dem Gedanken los kommen, dass
ich sowieso wieder zu hohe Stromkosten haben werde, denn ich brauche
nicht nur einen elektrischen Rollstuhl, sondern auch noch einen elektrischen
Lifter (Hebekran), elektrische Telefone (Festnetz und Handy für
draußen), einen elektrischen Fernseher, elektrisches Licht und
einen elektrischen PC. Das Morgenprogramm ist nicht wirklich spannend
und ich lasse mich berieseln.
Um 6 Uhr klopft es (es klopft, das freut mich, denn eine Weile hielt
man es für selbstverständlich ohne Anklopfen in meine Wohnung
einzudringen) und die Schwester ist da. Sie dreht mich auf den Rücken,
setzt mich hin und geht in die Küche, mein Frühstück
zu bereiten. Meine Gedanken schweifen zum elektrischen Toaster, der
elektrischen Kaffeemaschine und zum Mikrowellenherd, der ja auch elektrisch
betrieben wird. Na ja, zum Glück nicht beim Frühstück.
Meine einfache Mahlzeit ist fertig: ein Spiegelei (oh nein, der elektrische
Herd...), meine Tasse Kaffee und eine Scheibe Brot. Von meinen eigenen
Gedankengängen genervt, kaue ich fast automatisch mein Essen. Das
Schlucken fällt mir schon recht schwer wegen meiner Behinderung
und ich muss fast bei jedem Bissen etwas dazu trinken, schließlich
habe ich nur knappe 20 Minuten Zeit zum Essen. Ich staune, dass man
in 7 Minuten ein Frühstück zubereiten kann - na ja, das Ei
ist nicht ganz so cross wie ich es mag, der Kaffee ist zu hell und fast
kalt, unten steht der Zucker in der Tasse. Wenn ich den richtig rühre,
kann ich ihn nicht mehr trinken, also lasse ich es. Zum Gespräch
ist natürlich keine Zeit, denn ich esse sowieso langsamer und verschlucke
mich schneller, wenn ich beim Essen rede. Die Schwester versorgt meine
Wellensittiche. Sie bekommen täglich frisches Badewasser und pro
Futternapf drei Teelöffel Körner.
Noch während ich esse, werde ich gefragt was ich anziehen möchte.
Also echt. Einerseits reden sie nicht mit mir, weil ich mich verschlucken
könnte, andererseits können sie mich nicht bis zum letzten
Schluck Kaffee in Ruhe frühstücken lassen. Gedanklich wechsele
ich von der Elektronik in meinen Kleiderschrank. Nun ja, das Innenleben
meines Kleiderschrankes hatte ich lange nicht betrachtet, genau genommen
nicht mehr, seit der letzten Altkleidersammlung vor - etwa vier Wochen?
Aufgeschrieben was ich an hatte, hatte ich auch nicht. Ich sagte also:
"Heute soll es heiß werden, lange Hosen bitte, weil die Waden
sonst auf den Plastikschienen am Rollstuhl kleben und ein Shirt. Heute
Morgen brauche ich aber auch Socken und Schuhe, weil ich in die Gemeinde
gehe." Die Bemerkung: "Was, bei dem Wetter lange Hosen..."
kenne ich noch von gestern. Mein Kaffee ist leer, das Brot und das Ei
verputzt, und ich lasse mich aufs Klo rangieren. Zum Glück kann
ich mich selbst entleeren, wenn auch etwas langsamer und oft schmerzhaft.
Das Drücken strengt mich an und nach dem erfolgreichen "Plopp"
könnte ich mich glatt wieder schlafen legen.
Ich werde elektrisch hoch gehoben und im Intimbereich gewaschen. Von
vorne nach hinten, weil mir alles andere unangenehm ist. Meine Haut
reißt sehr leicht ein und ich bitte die Schwester um Vorsicht.
Abgetrocknet geht es wieder ins Bett, wo ich von unten nach oben angezogen
werde. Im Sitzen wasche ich mein Gesicht und die Hände und lasse
mich wenigstens unter den Achseln waschen. Da ich fürs Waschen
mehr Zeit brauche, als im Modul dafür vorgesehen ist, muss ich
mal wieder auf Reinlichkeit unter der Brust und am Rücken verzichten.
Nach dem Zähneputzen und dem Deo kommt das Shirt und ab geht es
mit dem Lifter in den Rollstuhl. Dort werde ich noch zurecht gerückt
und bekomme die Schuhe angezogen.
Ein Spiegel wird auf den Tisch gestellt. Ich hole mir meine Creme und
Lippenbalsam und nachdem ich mit Eincremen fertig bin, räume ich
die Utensilien wieder weg. In der Zeit räumt die Schwester den
Spiegel schon wieder auf und ich mache sie darauf aufmerksam, dass ich
gerne noch sehen möchte, wie sie mich frisiert. Sie sagt: "Ich
mache dir denselben Pferdeschwanz wie gestern, das brauchst du ja nicht
unbedingt zu sehen, oder?" Ich fühle mich angegriffen und
sage: "Doch, das will ich schon sehen, du siehst doch auch, wie
deine Frisur sitzt, sogar während ich auf dem Lifter hänge
musst du deine Frisur im Spiegel begutachten." Sie reagiert darauf
nicht und rupft mir schmerzhaft an den Haaren herum beim Frisieren.
Sie nuschelt etwas von Schikane vor sich hin und ich beschließe
zu schweigen.
Endlich klopft es an der Tür. Ein guter Freund holt mich regelmäßig
zum Gottesdienst ab und bringt mich danach wieder nach Hause, deshalb
hat er einen Wohnungsschlüssel. Die Schwester geht und wünscht
einen schönen Tag, schließlich ist ja Besuch da. Höflichst
wünsche ich ihr auch einen schönen Tag und verlasse mit dem
Geistesbruder die Wohnung. Wir laufen etwa 45 Minuten in die Gemeinde
zum Gottesdienst und ich erzähle ihm auf dem Weg von den Geschehnissen.
Wir sind uns einig, dass die Schwestern allgemein und überall überfordert
sind und beschließen, Nachsicht zu üben.
Während des Gottesdienstes hält mir mein Kumpel das Gesangbuch,
dass ich auch mitsingen kann. Als es noch kälter war, hat er mir
immer den Poncho und den Schal aus und wieder an gezogen und ich bin
froh, dass es jetzt so warm ist, dass ich seine Hilfe nicht so oft in
Anspruch nehmen muss. In der Gemeinde gefällt es mir gut, alle
sind sehr freundlich und hilfsbereit. Gegen 11 Uhr ist die Predigt beendet
und wir laufen den ganzen Weg zurück. Zuhause angekommen spendiere
ich einen Kaffee und eine kleine Schüssel Quark - beides bereitet
mein guter Freund wie selbstverständlich vor. Er spült nachher
auch die Tassen und das Besteck, nicht nur weil es deshalb schon Ärger
mit dem Pflegedienst gab.
Da ich erst um 15:30 Uhr wieder eine Krankenschwester für die Toilette
da habe beschließe ich, meine Freundin im Sand zu besuchen. Sie
bietet mir wie immer einen Kaffee an. Es wird jetzt zum Mittag sehr
heiß und ich möchte meine Schuhe und Socken aus ziehen. Meine
Freundin fragt mich, ob ich sie nicht lieber an lassen möchte,
weil es später ja wieder kälter wird. Aber ich kann sie überreden,
dass sie mir hilft, mich etwas abzukühlen. Ihr Vater sitzt seit
einigen Jahren mit einer Halbseitenlähmung ebenfalls im Rollstuhl
und sie ist dadurch sehr belastet, deshalb nehme ich es ihr nicht übel,
dass sie mir die Fußbekleidung nicht sofort auszieht. Eigentlich
möchte ich ihr sogar solche Pflegeleistungen ersparen, auch wenn
sie immer wieder betont, dass sie mir gerne hilft. Die Freundin bereitet
eine Mahlzeit vor und bietet mir an, mitzuessen. Da ich vorher einen
Quark hatte, esse ich nur eine kleine Portion mit. Es gibt selbst gesammelte
Pilze und ich helfe beim Schneiden draußen im Garten am Tisch.
Kurz nach 15 Uhr fällt mir mit Schrecken ein, dass ich um halb
4 zuhause sein muss und ich verabschiede mich hektisch. So schnell breche
ich ungern auf, und meine Freundin sagt noch zu mir: "Die können
doch auch mal fünf Minuten warten, oder?" Können sie
nicht.
Um fünf nach halb vier stehe ich vor meiner Haustür. Alleine
komme ich nur unten rein, einen Schlüssel habe ich, aber dann stehe
ich im Hausgang und komme nicht weiter. Es geht noch ein halbes Stockwerk
mit dem Aufzug hoch, den ich nicht mehr drücken kann ohne Hilfe.
Die Straße ist stark befahren wo ich wohne und ich kann die Abgase
riechen. In der Wohnung habe ich mein Wohnzimmer nach hinten hinaus
und alle Zimmertüren geschlossen, dass ich den Lärm nicht
so höre. Um 16 Uhr denke ich: Sie wird sich im Tag vertan haben
und gleich kommen. Natürlich sollte ich schon eine Weile aufs Klo
gekonnt haben müssen, ich halte es schon seit der Gemeinde ein.
Um 16:30 Uhr rufe ich an, ob sie mich vergessen hatten und ich bekam
zur Antwort, die liebe Schwester käme gleich. Um 17:10 Uhr kommt
die Schwester, bittet mich wortlos in den Aufzug und die Wohnung und
hält mir dann einen Zettel unter die Nase: Ich war um 15:30 Uhr
da - mit ihrer Unterschrift.
Als ich auf dem Klo sitze, frage ich die Schwester höflich, wahrscheinlich
überhöflich, ob sie meine Handynummer habe. Sie weiß
natürlich sofort, worauf ich hinaus will und flötet: "Doch,
die Nummer habe ich und ich hätte anrufen können." Ich
schaue sie nur an und wünsche mir, dass ich jetzt viel Kraft habe.
Da sitze ich stundenlang mit voller Blase vor der Haustür und habe
das Handy betriebsbereit in der Tasche. Natürlich hätte ich
genauso früher anrufen können, aber die Schwestern hetzen
im Prinzip von dem einen zum anderen und gerade heute Morgen hatten
wir beschlossen, Nachsicht zu üben.
Außerdem wurde mir eine halbe Stunde plus - minus als Zeitpuffer
vorgegeben. Also zog ich das Warten vor. Aber in diesem Augenblick fällt
es mir schwer, nichts zu sagen. In den neun Jahren mit dem Pflegedienst
hatte ich mich außer diesem nur noch ein Mal um fünf Minuten
verspätet und wurde deshalb übelst ausgeschimpft. Ich bleibe
ruhig.
Essen brauche ich jetzt nichts. Ich kämpfe eher, dass Gegessenes
nicht den Rückweg nimmt, aber wenigstens sind wir in 20 Minuten
fertig. Sie verlässt die Wohnung nicht, ohne mir einen schönen
Abend zu wünschen.
Schnell setze ich mich an den PC und rufe die eMails ab. Eine liebe
Freundin aus Berlin hat mir auf meine letzte Mail geantwortet und ich
schreibe ihr zurück. Sie wollte, dass ich ihr ein paar Fotos ausdrucke,
denn ich hatte mir vor einigen Monaten Fotopapier gekauft. Ich muss
sie via Mail vertrösten, denn alleine kann ich das Druckerpapier
nicht austauschen. Dann sind noch ein paar Geschäftsbriefe im elektrischen
Briefkasten, die ich ebenfalls beantworte. Nach der Arbeit kommt das
Vergnügen und ich gebe mich meinem Hobby, dem 3d-chatten, hin.
Dort habe ich mehrere Grundstücke und einen eigenen Körper,
mit dem ich sogar fliegen kann. Das Hobby kostet mich weniger als 40
Euro im Jahr. Ab jetzt muss ich allerdings aufpassen, dass ich den PC
rechtzeitig ausschalte bevor die Schwester wieder kommt. Immer wieder
schaue ich ab halb 8 auf die Uhr, denn in dem Programm kann ich die
Realität schnell mal vergessen.
Um 20 Uhr lege ich mein Telefon und das Handy auf den Nachtschrank.
Wenn ich noch genug Kraftreserven habe, wasche ich mein Gesicht mit
einer Reinigungsmilch und creme es für die Nacht ein, aber heute
habe ich diese Kraftreserven nicht mehr. Sogar meine Zahnseide hatte
ich heute Morgen vergessen.
Die Schwester kommt um 20:20 Uhr. Sie ist mittlerweile viel zu früh
dran, ich erinnere mich an Zeiten, wo ich zwischen 22 und 22:30 Uhr
zu Bett konnte. Irgendwann einigten wir uns auf 21 Uhr. Dann hieß
es, dass die Schwestern um 22 Uhr bei sich zu Hause sein sollten, also
pendelte sich halb 9 ein. Jetzt ist es gerade mal 20 nach 8 - bestimmt
kommen sie bald um 5, denke ich frustriert. Wenn man immer wieder eingeschränkt
wird, kommen einem fünf Minuten sehr lange vor.
Zum Abendbrot gibt es eine Scheibe Brot. Nach dem Essen werde ich umgezogen
und ins Bett gelegt. Ohne Zähneputzen, ohne Waschen, ohne Verdauungspäuschen.
Ich werde auf die Seite gedreht und soll die nächsten 12 Stunden
so liegen. Schlafen von den 12 Stunden tue ich acht Stunden. Bis 23
Uhr ruft mein Freund mich an und ich erzähle ihm, was seit letztem
Anruf bei mir alles geschehen ist. Er erzählt mir, dass er gearbeitet
hat. Den Fernseher habe ich jetzt auch schon wieder laufen.
Um 23:30 Uhr wache ich schmerzhaft aus einem Dämmerschlaf auf.
Der Fernseher läuft noch, der eingeschaltete Timer ist noch nicht
abgelaufen. Den schalte ich immer sehr früh ein, weil ich schon
so oft morgens um 4 Uhr durch Werbung geweckt wurde. Schnell schalte
ich ihn aus und rufe einen nahe wohnenden Freund an, der mit Sicherheit
noch nicht schläft, weil er studiert. Ich bin eingenickt, weil
es heute Morgen so früh war mit dem Aufstehen. Meine Decke liegt
so schwer auf dem Fuß, dass mein Zeh weh tut. Ich bitte ihn, so
schnell wie möglich vorbei zu kommen, aber er kann jetzt nicht
weg. Er bittet einen Freund, bei mir einzuspringen. Zum Glück kenne
ich den auch und habe nichts dagegen, dass er mir hilft und sich den
Schlüssel von meinem ehemaligen Zivi (der Student) ausleiht. Leider
kann er erst in einer knappen Stunde kommen, was ich aushalten werde.
In der Zeit fühle ich meinen restlichen Körper nicht mehr,
sondern nur noch den stechenden Schmerz im Zeh. Auch das Fernsehprogramm
lenkt davon nicht ab. Aber wenigstens sind Stimmen um mich herum und
ich fühle mich nicht so alleine.
Um 1:00 Uhr klopft es leise an die Tür. Ich fühle Erleichterung
in mir aufsteigen, obwohl sie noch gar nicht statt gefunden hat. Endlich
hebt er die Decke weg. Ich bitte ihn, sie ganz weg zu legen. Er fragt
mich: "Und wenn dir später kalt wird?" Ich sage: "Dann
rufe ich noch mal an." Wir lachen. Er darf sich zur Belohnung ein
Eis aus dem Eisfach nehmen - Geld kann ich ihm keines geben, denn ich
beziehe die Sachleistung von der Krankenkasse. Nach dem Eis geht er
gleich wieder und ich schalte den Timer wieder auf 90 Minuten. Dann
nehme ich meine Bibel vom Nachtschrank, lese ein paar Abschnitte und
bete, bevor ich das Licht aus schalte. Morgen klingelt der Wecker um
halb acht.
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