Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
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Marsch aus den Institutionen:
Reißt die Mauern nieder!

Klaus Poll lernt derzeit die GebärdenspracheKlaus Poll, Hannover

Zehn Jahre Fremdbestimmung

1981 im Alter von 20 Jahren verursachte ich auf der A7, von Hamburg kommend in Richtung Hannover, einen schweren Verkehrsunfall. Fast drei Jahre Krankenhaus und eine schwere Körperbehinderung mit einer völligen Erblindung sind die Folgen meiner Raserei.

Ende 1983 kam ich ins Wohn- und Pflegeheim Annastift in Hannover. Ich hatte gehofft, dass es hier etwas mehr Selbstbestimmung gibt, aber meine Hoffnung ist schnell wie eine Seifenblase zerplatzt. Doppelzimmer, starre Strukturen wie zum Beispiel feste Essenszeiten, Nachtwachenplan usw. machten mir das Leben unglaublich schwer. Spontane Aktivitäten waren überhaupt nicht drin, es sei denn, es kam mal ein neuer Zivi, der noch Engagement zeigte. Ständiger Personalmangel wurde teilweise mit Aushilfen ausgeglichen und diese Leute waren überwiegend Studenten, das heißt, es war ein fliegender Wechsel. Dauernd kamen neue Leute und ich musste immer wieder aufs neue erklären. Irgendwann hatte ich dann einfach keinen Bock mehr dazu und die Konsequenz war, dass ich kaum noch versorgt wurde. Ständig musste ich mich mit dem Pflegepersonal herumstreiten, denn ich wollte nicht in die Schublade rein, in die ich aber rein sollte.

Ein paarmal musste ich im Heimbüro Rede und Antwort stehen. Mir wurde vorgeworfen, dass ich zu viel Alkohol trinken würde und somit den Pflegern unnötig schwer zu Last falle. Na gut zugegeben, es war schon sehr heftig, aber ich wollte das so haben, denn das Leben im Annastift war nur noch im Suff zu ertragen. Meine Uneinsichtigkeit führte dahin, dass die Pfleger mir mein Bier wegnahmen und es für mich einteilen wollten, aber da habe ich denen ein Strich durch die Rechnung gemacht. Ich habe einfach nichts mehr getrunken und habe ihnen zu verstehen gegeben, dass ich bereits erwachsen bin und nicht mehr erzogen werden muss.

Gegen den Nachtwachenplan hatte ich erbittert gekämpft, denn wer länger als 22.00 Uhr aufbleiben wollte, musste sich darauf schreiben lassen. Ganz oft kam ich aber zu spät, denn der Plan war auf acht Personen begrenzt und das bedeutete, dass man sich beeilen musste, um noch einen Platz zu bekommen. Wie sagte der ehemalige Russische Präsident Gorbatschow einst: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Das ist ein weiser Mann mit sehr viel Weitsicht; kann ich dazu nur sagen. Lebensqualität misst sich in der Wahl unterschiedlicher Angebote. Aber im Heim hat man keine Wahl, da muss man schlucken was einem vorgesetzt wird.

Das Heim, in dem ich von Ende 1983 bis Ende 1993 lebte, heißt "Neues Haus Roderbruch" und gehört mit zum Annastift in Hannover. Hier gab es zu der Zeit 2 Stationen, wo die eine 28 und die andere etwa 22 Bewohner zählte und etwa genauso viele Pflegekräfte einschließlich Aushilfen waren dort tätig. Zusätzlich gab es noch eine Ergotherapie und einen Freizeitbereich, der ausschließlich nur von Zivildienstleistenden besetzt wurde. Für einen Außenstehenden müsste sich das eigentlich ganz gut anhören, aber all denen möchte ich sagen, dass sich die Lebensqualität der Bewohner nicht vom Pflegeschlüssel her ableiten lässt. Dauernd ist jemand krank, auf Fortbildung oder im Urlaub, das heißt, dass der Pflegeschlüssel nur der Statistik dient, aber mit dem tatsächlichen Leben vor Ort nichts zu tun hat.

Eine Situation, die typisch für das Haus Roderbruch war, möchte ich hier etwas näher beschreiben. Es geht mal wieder um das leidige Thema "Nachtwachenplan". Auf dem Plan war nur noch ein Platz frei und diesen wollte mein Zimmerkollege haben, aber ich wollte auch nicht ins Bett. Da ich zu der Zeit noch in der Lage war, allein vom Bett aus in meinen Rollstuhl zu rutschen und wieder zurück, fassten wir den Plan dass ich ins Bett gehe und er mir dann ein bisschen später meinen Rollstuhl ans Bett schiebt. Wie abgesprochen, setzten wir diesen Plan auch gleich in die Tat um. Ich saß gerade wieder am Tisch und rauchte, da ging die Tür auf und in deren Rahmen stand der Stationsleiter. Etwa 20 Sekunden blieb er dort stehen und glotzte mich stumm an. Dann machte er auf den Absatz kehrt und verließ wortlos den Raum. Unmittelbar danach kreuzte ein anderer Pfleger auf, nahm mir die brennende Zigarette weg und packte mich ins Bett. Danach bekam mein Zimmergenosse noch eins auf den Deckel, dann verschwand er wieder und nahm meinen Rollstuhl mit.

Anmerken möchte ich an dieser Stelle, dass mein Zimmerkollege ein stattlicher Mann von zwei Metern, 100 kg, Mitte 40 und Vater von zwei erwachsenen Söhnen war. Er wurde wie ein kleiner Schuljunge, den man beim Aushecken von Streichen erwischt hatte, behandelt und genauso fühlte er sich auch in dem Moment.

Aus dieser Situation lässt sich klar erkennen, dass das Selbstbestimmungsrecht der Bewohner nicht ernst genommen wurde, denn der Pfleger hätte anklopfen müssen, bevor er die Tür öffnet. Dem Heimgesetz zufolge sind die Zimmer der Bewohner wie eine Mietwohnung zu betrachten und in die darf man auch nicht einfach so eindringen.

Wenn ich heute, nachdem ich 1993 aus dem Annastift ausgezogen und mit meiner Frau, die ich damals geheiratet habe, zusammen gezogen bin, noch an diese und viele ähnliche Situationen zurück denke, dann kommt mir die Galle hoch, denn ich empfinde die von mir geschilderte Situation als eine klare Menschenrechtsverletzung. Ich möchte nicht wissen, wie viele behinderte Menschen in Heimen noch unter dem Verstoß gegen ihre Würde zu leiden haben.

Um es ganz klar zu sagen, mir geht es nicht darum, die Pfleger von Haus Roderbruch fertig zu machen und so meinen Rachegelüsten freien Lauf zu lassen, sondern viel mehr darum aufzuzeigen, wie mit "Selbstbestimmung und Teilhabe" in Heimen umgegangen wird.

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