Bodo
Schütz, Wiesbaden - Hilferuf für schulische Integration
Bodo Schütz aus Wiesbaden engagiert sich ehrenamtlich beim Wiesbadener
Lokalradio mit der Sendung GanzNormal und unterstützt dabei häufig
behinderte Menschen und ihre Eltern bei der Durchsetzung ihrer Rechte.
Nun hat Bodo Schütz selbst einen Hilferuf loslassen müssen,
weil es bei der Beschulung des Sohnes seiner Lebensgefährtin erhebliche
Probleme gibt. Wir veröffentlichen diesen Hilferuf von Bodo Schütz,
da er deutlich macht, mit welchen Problemen viele Eltern von behinderten
Kindern zu kämpfen haben, wenn sie für eine gute Beschulung
ihrer Kinder kämpfen:
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich wende mich an Sie, weil ich mir anders nicht mehr zu helfen weiß.
Meine Lebensgefährtin hat einen Sohn (Jeremy 9,5 Jahre) mit einer
geistigen Behinderung (Chromosomendefekt Deletion 22Q13.3) und benötigt
zur Beschulung an einer Sonderschule eine Integrationshilfe. Diese Maßnamen
werden geregelt im BSHG §§ 39, 40. Seit Beginn der Schulzeit
(Sommer 2001) gibt es jedes Jahr Probleme bei der Bewilligung. Außerdem
hatten wir in der Vergangenheit auch Probleme mit der Integration Jeremys
im Schulalltag, wegen unterschiedlichen pädagogischen Ansichten
und fehlerhafter Anleitung der Integrationshelfer.
Obwohl wir in der Vergangenheit immer wieder Gespräche mit den
Lehrkräften und der Schulleitung hatten, in denen wir darauf aufmerksam
machten, dass die Klassenlehrerin sichtlich überfordert ist bzw.
kein Interesse zeigte, sich auf die Behinderung Jeremys einzustellen,
wurde weder einer Versetzung in eine andere Klasse zugestimmt, noch
eine fachliche Integrationshilfe bewilligt, bzw. die Beantragung unterstützt.
Einige Wochen vor den Sommerferien erfuhr meine Lebensgefährtin,
dass Jeremy in der Vergangenheit nicht nur oft außerhalb der Klassengemeinschaft
betreut, sondern im Unterricht nun auch gefesselt wurde. Hierbei handelte
es sich nicht um die Tat einer einzelnen Lehrkraft, sondern um eine
Absprache zwischen verschiedenen Lehrkräften.
Darauf hin erstattete meine Lebensgefährtin Strafanzeige. Anstatt
Jeremy nun in eine andere Klasse zu versetzen, und dem entstandenen
Schaden durch fachliche Hilfe entgegen zu wirken, wurde ihr nahegelegt
die Strafanzeige zurückzuziehen und einer Weiterbeschulung bei
den bisherigen Lehrkräften zuzustimmen. Gespräche mit der
Schulleitung und Schulaufsicht führten zu Absprachen, dass Jeremy
nach den Sommerferien in eine andere Klasse integriert wird, mit einer
fachlichen Integrationshelferin.
Jeremy wurde weiterbeschult bis zu den Sommerferien in verschiedenen
Klassen, weil eine direkte Umsetzung organisatorisch nicht möglich
sei. Wechselnde Tagesabläufe schaden Jeremy aufgrund seines Behinderungsbildes
sehr. Für Jeremy sind klare und einfache Strukturen sehr wichtig,
um sich in seiner Umwelt zurecht zu finden. Der bisherige Integrationshelfer,
der bei den Fesselungen zumindestens anwesend war, wurde ebenfalls nicht
ausgetauscht. Meine Lebensgefährtin ließ sich darauf ein,
da es keine andere Schule für praktisch bildbare Kinder in Wiesbaden
gibt und die Versprechungen für das jetzige Schuljahr auch durchaus
beruhigend waren.
Leider scheint es so zu sein, dass man die Absprachen erneut nicht einhält.
Vor drei Wochen hat man meine Lebensgefährtin informiert, dass
es vertragliche Probleme mit den Integrationshelfern gibt. Im Endresultat
sieht es so aus, dass die Integrationshelfer Erzieher im Anerkennungsjahr
sind, denen eine tariflich festgesetzte Entlohnung zusteht, die sozialversicherungspflichtig
sind. Die Schule hat Arbeitsverträge geschlossen, die nicht der
Rechtsform entsprechen, bzw. kann die Schule keine Verträge abschließen.
Obwohl die Integrationshelfer auf einen Teil ihrer Entlohnung sogar
verzichten würden, schieben die verantwortlichen Ämter (Staatliches
Schulamt, Amt für soziale Arbeit) die Verantwortung hin und her,
ohne Lösungen herbei zu führen.
Zwischenzeitlich hat meine Lebensgefährtin von der Staatsanwaltschaft
die Mitteilung erhalten, dass man das Strafverfahren gegen eine Auflage
von 250 Euro eingestellt habe. "Die Auflage sei geeignet das öffentliche
Interesse zu beseitigen". Nach unserem Informationsstand wurden
nicht alle beteiligten Personen befragt oder vernommen. Der Weiterbeschulung
und vor allem der Fürsorge unserem Sohn gegenüber wird bis
heute keine Rechnung getragen, und genau das erhofften wir uns durch
die Ermittlungen der Staatanwaltschaft, dass hier von außerhalb
deutliche Worte gesprochen werden, damit unser Sohn sein Recht auf Förderung
und Bildung wahrnehmen kann. Es geht nicht darum, die Geschehnisse zu
vergelten, das hilft Jeremy nicht.
Wir haben in den letzten Wochen mit allen Beteiligten versucht zu sprechen
und Lösungen herbeizuführen. Entweder fühlt man sich
nicht zuständig oder reagiert auf unsere Schreiben und Anrufe gar
nicht. Die Integrationshelfer befinden sich, wenn man es genau nimmt,
in einem illegalen Beschäftigungsverhältnis, ohne Wissen,
ob ihre Tätigkeit überhaupt als Praktikum anerkannt wird.
Wir müssen fürchten, dass Jeremy schon wieder Veränderungen
hinnehmen muss, und das können wir nicht mehr akzeptieren, da es
der Entwicklung Jeremys enorm schadet.
Wir sind nicht die einzigsten betroffenen Eltern. Insgesamt sind vier
Schüler der Wichernschule betroffen, deren Integrationsmaßnahmen
nicht gesichert sind. Im Rheingau kämpfen Eltern auf Grund des
Behinderungsbildes ihrer Tochter für das Recht auf Integration
in einer Regelschule, mit den gleichen Problemen, die wie wir zur Beschulung
auf der Sonderschule haben. Obwohl das laut hessischem Kultusministerium
Priorität hat und zukunftweisend sei. Gespräche mit dem Büro
des Sozialdezernenten ergaben, dass man nicht für personelle Kosten
der Schule aufkommt. Das Staatliche Schulamt sieht das Sozialamt im
Handlungszwang. Vom Kultusministerium haben wir bis heute keine Stellungnahme
bekommen. Die Schulleitung hofft, dass man Lösungen findet, und
sieht sich selber in der Rolle des "Opfers".
Mittlerweile hat das Sozialamt eingelenkt und ist bereit für dieses
Jahr erweiterte Kosten zu tragen, wenn sich auch die schulische Seite
beteiligt. Eine Trägerfirma die bereit ist, die Arbeitsverhältnisse
zu übernehmen, ist ebenfalls gefunden. Aber es gibt keine Lösungen,
solange die Schule sich nicht bewegt. Außerdem ist das zwar eine
Lösung für das jetzige Schuljahr, aber wie auch in den vergangenen
Jahren keine Lösung für die Zukunft, und Eltern werden auch
für das nächste Schuljahr wieder zwischen den Stühlen
stehen, sofern Regelungen für dieses Jahr überhaupt gefunden
werden.
Nach meiner Auffassung ist aber nur einer Opfer - und das sind die Kinder.
Meiner Lebensgefährtin sind die Hände gebunden. Sie hat Angst
weitere Schritte gegen diese unzumutbaren Zustände zu unternehmen.
Sie fürchtet, dass es weitere Konsequenzen für Jeremy hat.
Aber wir wissen auch nicht mehr, wie wir unserem Sohn helfen sollen,
dass er endlich sein Recht auf eine ordentliche Beschulung bekommt.
Deshalb wende ich mich nun an Sie und hoffe, dass Sie bei diesen Problemen
mit Ihren Möglichkeiten helfen können, damit Jeremy nach drei
Jahren wie auch alle anderen Betroffenen endlich ihr Recht auf Bildung
und Förderung bekommen und vielleicht auch von anderer Seite her
deutlich gezeigt werden kann, dass man so weder mit Eltern umgeht, noch
Kinder in solcher Art und Weise behandelt.
Bei diesem täglichen Gebaren klingen Landesgleichstellungsgesetz,
zu schaffendes Antidiskriminierungsgesetz und die Lobpreisungen des
Kultusministeriums zur Integration behinderter Schüler wie blanker
Hohn und zeigen eine ganz andere Seite der Realität und haben nichts
mit der Gleichstellung und Teilhabe zu tun. Ich bedanke mich für
Ihr Interesse. Für weitere Fragen oder Informationen stehe ich
Ihnen gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Bodo Schütz
E-Mail: b.schuetz@schuetzweb.de
Quelle: kobinet-Nachrichten vom 06.10.2004
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