Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
Position: Projekte > 2004 Marsch

Marsch aus den Institutionen:
Reißt die Mauern nieder!


Foto von Karl-Hermann HaackKarl Hermann Haack
Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

Grußwort anlässlich
der Kampagne „Marsch aus den Institutionen“

Sehr geehrte Damen und Herren,

denjenigen unter Ihnen, die heute am Marathon teilgenommen haben, möchte ich zunächst meine ganz persönliche Hochachtung und meinen Glückwunsch aussprechen! Als Behindertenbeauftragter der Bundesregierung möchte ich gleich daran anschließen: Ich unterstütze den Marsch aus den Institutionen!

Wir haben seit 1998 viel für einen Paradigmenwechsel in der Politik für Menschen mit Behinderungen getan. Doch auch für die 68er-Generation, auf deren Slogan sich die Initiatoren der Kampagne beziehen, hat der Marsch durch die Institutionen lange gedauert. Nicht wenige von ihnen sind auf dem Weg durch die Institutionen in diesen stecken geblieben. Auch wir sind mit unseren gesetzlichen Änderungen und den noch ausstehenden gesetzlichen Vorhaben noch nicht dort angekommen, wo wir mit Ihnen zusammen hin wollen.

Unser Ziel heute ist die Verwirklichung der umfassenden Teilhabe von behinderten Menschen an dem Leben in der Gesellschaft, die Ermöglichung ihrer weitgehenden Selbstbestimmung und die konsequente Beseitigung von Diskriminierungen und Barrieren. Daran arbeiten wir mit Ihnen zusammen.

Dazu zwei Punkte:

Das 2001 in Kraft getretene SGB IX hat wesentliche Neuerungen gebracht. Die Stärkung der Wunsch- und Wahlrechte, das Recht auf Arbeitsassistenz, die Ermöglichung des Persönlichen Budgets, das mit dem SGB XII ausgebaut wurde, sind nur einige davon. Das SGB IX ist damals angetreten, das zergliederte System zumindest für den Bereich der Rehabilitation und Teilhabe zusammenzuführen. Kooperation, Koordination und Konvergenz sind die drei zentralen Begriffe, die die Frage ans System stellen. Denn hinter diesen drei Begriffen verbirgt sich die Aufforderung zur Zusammenarbeit bei den Reha-Trägern. Wie man nicht zuletzt an der Ausgestaltung der Gemeinsamen Servicestellen sehen kann, erschweren institutionelle Eigeninteressen diese Zusammenarbeit. Der Vorrang, den wir mit dem SGB IX der Selbstverwaltung eingeräumt hatten, ist an seine Grenzen gekommen. Derzeit wird in der Föderalismuskommission von Bundestag und Bundesrat darüber beraten, ob und inwieweit der Bereich der öffentlichen Fürsorge ganz oder teilweise in die Gesetzgebungszuständigkeit der Länder übertragen werden soll. Wenn in Zukunft die Länder über die Ausgestaltung des Systems der sozialen Sicherung selbst entscheiden, dann führt das zu einer weiteren Zersplitterung der Standards. Dann gibt es bald 16 unterschiedliche Lebenswelten für Menschen mit Behinderung. Eine weitere Zergliederung läuft darüber hinaus den Zielen des SGB IX nach einheitlichen Grundsätzen der Leistungserbringung zuwider. Das SGB IX ist erfolgreich, wenn es klare gesetzliche Regelungen vorsieht. Probleme tauchen überall dort auf, wo die Entscheidung in die Hände der Selbstverwaltung gelegt wurde. Diese Erfahrungen müssen jeden warnen, der sich daran machen will, unser föderales System weiter zu zergliedern.

Der zweite Punkt ist die Schaffung eines zivilrechtlichen Antidiskriminierungsgesetzes. Die täglichen Benachteiligungen und Diskriminierungen von Menschen mit Behinderungen zeigen, dass auch Änderungen Bereich des Privatrechts erforderlich sind. Für behinderte Menschen ist es Alltag, dass sie nicht ins Kino gelassen werden, dass es keine Aufzüge an Bahnsteigen gibt oder diese defekt sind, dass Busse und Bahnen keine Einstiegshilfen vorsehen oder diese von den Fahrern nicht bedient werden. Das sind Erfahrungen, die es notwendig machen, dass behinderte Menschen in den Anwendungsbereich des zivilrechtlichen Antidiskriminierungsgesetzes einbezogen werden müssen. Rom wurde nicht an einem Tag gebaut. Und Institutionen sind langmütige Wesen, die zu überwinden Zeit, Geduld, Ausdauer und langen Atem braucht. Dass Sie dies alles besitzen, haben Sie nicht zuletzt mit Ihrer erfolgreichen Teilnahme am heutigen Berlin-Marathon bewiesen.

Manchmal ist es wichtig, dass man überhaupt den ersten Schritt getan hat. Auch wenn es ein erster Schritt ist, wenn er in die richtige Richtung geht, dann ist der lange gemeinsame Marsch aus den Institutionen längst begonnen!

Ihr
Karl Hermann Haack
Berlin, 26. September 2004

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