Lieber reich und gesund
Leserbrief in den
FRÄNKISCHEN NACHRICHTEN
Bad Mergentheim vom 20.01.2004
Viel wird in den Medien über die Praxis- oder besser Krankenkassengebühr
geschrieben, Wann muss gezahlt werden, wie kann gespart werden? Vielleicht
ein Randproblem der Gesundheitsreform. 40 bis 80 Euro im Jahr sind viel
Geld, aber bezahlbar, wenn man gesund ist und Arbeit hat. So zahlen
die Patienten 10 Euro in Arzt- und Zahnarztpraxen. Sie. wissen, dass
es eine Kassenabgabe ist und sie bedauern, dass ihr Arzt zusätzliche
Verwaltungsarbeit leisten muss.
Aber wie geht es den wirklich auf das System Angewiesenen? Wie geht
es schwerstkörperbehinderten Menschen? Wie geht es dem früheren
Mann der Bergwacht, der nach einem Skiunfall querschnittgelähmt
ist? Wie geht es der MS-kranken, rollstuhlpflichtigen früheren
Lehramtsanwärterin? Was macht der ehemalige Tankwart nach seinem
Schlaganfall? Auch sie zahlen alle anstandslos für den Arztbesuch,
die Arznei und die Hilfsmittel. Haben sie doch zirka 80 Euro Taschengeld
im Monat. Nun wissen wir aus den Mitteilungen des Bundesministeriums
für Gesundheit und soziale Sicherung, dass ein chronisch Kranker
nur ein Prozent seines Einkommens zahlen muss. Leider weiß aber
bisher niemand, wer chronisch krank ist und wer nicht. Dies muss noch
bis zum 31. März 2004 bestimmt werden. Also zahlen alle 2 Prozent.
Wovon? Nicht vom realen Einkommen, sondern vom durchschnittlichen Einkommen
eines von der Sozialhilfe lebenden Haushaltsvorstandes, also von zirka
3552 Euro. Es müssen also aus zwölf mal 80 Euro = 960 Euro
im Jahr 71.04 Euro Zuzahlung geleistet werden. Selbstverständlich
hat der Gesetzgeber dies rechtzeitig erkannt und eine Änderung
des Bundessozialhilfegesetzes vorgenommen. Der Sozialhilfeempfänger
kann auf sein Taschengeld zur Finanzierung der Zuzahlung einen Kredit
bekommen. Gut. Aber Wer zahlt in der Zeit, wenn die 71,04 Euro aufgewendet
wurden, die Unterlagen bei der Krankenkasse zur Prüfung liegen
und der Befreiungsbescheid noch nicht vorliegt? Gibt es eine Rückerstattung?
Wann gibt es eine Rückerstattung? Wer hilft einem Schädelhirnverletzten
bei der Stellung des Kredit- oder Befreiungsantrages?
Ach, wenn das alles wäre! Wie sieht das mit den apothekenpflichtigen,
aber nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln aus? Auch hier soll
es eine Regelung bis zum 31. März 2004 geben. Aber Schmerzen kann
man kaum drei Monate aushalten. So muss zusätzliches Geld aufgewendet
werden und ob es je erstattet wird, bleibt fraglich. Bestimmte Arzneimittel
kann der Arzt noch drei Monate auf sein eigenes Risiko bei schweren
Erkrankungen weiterverschreiben. Aber was ist schwer? Auch das regelt
der Gemeinsame Bundesausschuss (Ausschuss Ärzte-Krankenkassen)
bis zum 31. März 2004.
Aber wie kommen behinderte Menschen zum nächsten Facharzt für
Neurologie, Orthopädie oder Urologie? 20 Kilometer zum Beispiel
von Krautheim nach Bad Mergentheim? Fahrtkosten zu ambulanten Behandlungen
werden nur nach vorheriger Genehmigung durch die Krankenkasse übernommen.
Wie schnell erteilt die Krankenkasse eine Genehmigung bei einer akuten
Harnabflussstörung nach 17 Uhr? Muss erst der Medizinische Dienst
um ein Gutachten gebeten werden oder muss der Behinderte, wie zur Zeit
üblich, die Transportkosten von seinen 80 Euro Taschengeld vorstrecken?
All diese Fragen kann heute niemand beantworten und es soll ja Regelungen
bis zum 31. März 2004 geben. Aber die Menschen sind heute krank,
krank, ohne es gewollt zu haben, krank, obwohl sie früher eine
andere Lebensperspektive hatten. Eine Situation, in die jeder jeden
Tag kommen kann. Die Absicherung eines großen Lebensrisikos, für
das es bisher die soziale Sicherung in der sozialen Gemeinschaft gab,
wird unsicher. Heute ist die schnelle Durchsetzung eines Gesetzes zum
Zwecke des politischen Überlebens wichtiger als die soziale Sicherung
Bedürftiger in unverschuldeter Not. Bitte entschuldigen Sie meine
teils bitteren Worte, aber ich betreue seit sieben Jahren eine der jetzt
modernsten Einrichtungen für schwerstkörperbehinderte Menschen
als Hausarzt. Dieser Brief entstand nach meiner heutigen Visite im Eduard-Knoll-Wohnzentnun
für Schwerstkörperbehinderte Krautheim. Ich hoffe, durch eine
wirksame Pressearbeit wird diesen Menschen und auch den anderen Bewohnern
von Alters- und Pflegeheimen schnell geholfen.
Thomas Dubowy
Facharzt für Allgemeinmedizin
Krautheim
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