Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.
Position: Projekte > Krankenhaus

Kampagne 2006 bis 20??
Ich muss ins Krankenhaus ... und nun?

Logo der Kampagne: Rollstuhlfahrer wird in Richtung Klinikbett geschoben

Wir bedanken uns für die Förderung durch die

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In Korperation mit der

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Eröffnungsveranstaltung

Podiumsdiskussion auf der REHACARE 2006 in Düsseldorf

Als offizielle Auftaktveranstaltung findet am 19. Oktober von 14 Uhr bis 15.30 Uhr anlässlich der REHACARE 2006 in Düsseldorf eine Podiumsdiskussion statt. Ein hochkarätiges Podium diskutiert das Thema. Ort der Veranstaltung ist das Forum in Halle 6.

Teilnehmen werden:

  • Karin Evers-Meyer, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen,
  • Ilona Brandt, behinderte Frau mit "Krankenhauserfahrung ",
  • Günther Schinner, Rheinisches Sozialamt des Landschaftsverbandes Rheinland als Vertreter der Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe (BAGüS),
  • Priv.-Doz. Dr. med. Uwe Mellies, Universität Essen
  • Helmut Budroni, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Witten-Herdecke.
  • Elke Bartz, Moderation

Wir haben uns bemüht, einer Vertreterin oder einem Vertreter einer Krankenkasse die Möglichkeit zu geben, aus deren Sicht das Thema darzustellen. Leider ist es uns trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen, jemanden für diese Veranstaltung zu gewinnen. Begründet wurden die Ablehnungen stets mit Terminüberschneidungen und ähnlichem…


Auftaktveranstaltung zur Kampagne war ein voller Erfolg

Die Podiumsdiskussion im Rahmen der REHACARE 2006 war die offizielle Auftaktveranstaltung zur Kampagne. Sie kann als sehr erfolgreich bewertet werden.

Blick ins Publikum des ForumsDas so genannte Forum in Messehalle 6 ist ein offener Raum beim großen Gemeinschaftsstand der Bundesarbeitgemeinschaft Selbsthilfe (BAGS). Dort können sich Messebesucher ausruhen und kostengünstig Getränke und Speisen zu sich nehmen. Folglich herrscht in der Regel ein stetiges Kommen und Gehen.

Umso positiver ist es zu werten, dass mit Beginn der Diskussion um 14 Uhr sämtliche Tische und Stühle besetzt waren und selbst dazwischen noch etliche Zuhörerinnen und Zuhörer standen bzw. in Rollstühlen saßen. Und niemand ging, wie sonst üblich, zwischendurch. Im Gegenteil war, nicht zuletzt an den Beiträgen der Anwesenden, sehr deutlich zu spüren, wie wichtig das Thema für behinderte Menschen und ihre Angehörigen ist.

Zu Beginn stellte Moderatorin Elke Bartz die Kampagne und ihre Hintergründe sowie die Zielsetzung vor. Dabei betonte sie, dass nicht nur körperbehinderte, Assistenz nehmende Menschen bei Krankenhausaufenthalten wegen ihres behinderungsbedingten Hilfebedarfes Probleme haben können. Auch auf die Bedürfnisse von Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz oder sinnesbehinderten Menschen sind die meisten Krankenhäuser nicht v.l. Karin Evers-Meyer, Elke Bartzeingestellt. Zahllose Beispiele von Unterversorgungen bei und teils dramatischen Folgen nach Krankenhausaufenthalten hätten den Anstoß für die Durchführung der Kampagne gegeben.

Nach der Einführung stellten sich die Podiumsteilnehmerinnen und Teilnehmer vor und erklärten ihren persönlichen Bezug zum Thema. Karin Evers-Meyer, die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, berichtete, sie selbst habe vor Jahren viele Wochen am Krankenhausbett ihres leider verstorbenen Sohnes gesessen und dort inakzeptable Bedingungen vorgefunden. Daher Priv.-Doz. Dr. med. Uwe Melliesbegrüße sie die Kampagne ganz besonders. Außerdem verwies sie auf das noch nicht veröffentlichte Positionspapier zur teilhabeorientierten Pflege (Reform der Pflegeversicherung), das sich dieser Problematik ebenfalls annehme.

Priv.-Doz. Dr. med. Uwe Mellies, vom Universitätsklinikum Essen, Zentrum für Kinderheilkunde, meinte dass es für viele einfacher sei, den Bedarf an Begleitung von Kindern bei Krankenhausaufenthalten anzuerkennen, als bei erwachsenen Menschen. Vielen Krankenhäusern sei es nicht bewusst, welchen behinderungsspezifischen Bedarf es tatsächlich geben könne.

Ilona Brandt hat selbst keine negativen Krankenhauserfahrungen, da sie bisher jeden Krankenhausaufenthalt vorher planen und ihre Assistenten mitnehmen konnte. Ohne ihre Assistenten wäre ein Krankenhausaufenthalt unmöglich gewesen. Große Betroffenheit löste sie bei der Schilderung eines Ereignisses aus, mit dem sie vor einiger Zeit konfrontiert wurde. Ein schwerstbehinderte Freundin musste mit einer Atemwegserkrankung ins Krankenhaus. Ihre Assistenten durfte sie nicht mitnehmen. Im Krankenhaus war man nicht auf ihre Bedürfnisse eingestellt, wie sie in einem verzweifelten Telefonat mit Ilona Brandt berichtete. Sie war zu schwach, um zu rufen, Ilona Brandtwenn sie abhusten musste. Die Klingel konnte sie ebenfalls nicht bedienen. Ilona Brandt versprach ihr, sich am folgenden Tag mit dem Sozialhilfeträger wegen der Kostenübernahme für die Assistenten im Krankenhaus in Verbindung zu setzen. Doch da war bereits zu spät: Die Freundin verstarb noch in der Nacht, erstickt am eigenen Schleim.

Günther Schinner vom Rheinischen Sozialamt des Landschaftsverbandes Rheinland als Vertreter der Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe (BAGüS), erklärte, dass die Sozialhilfeträger nicht für die Weiterfinanzierung der Assistenzleistungen bei Krankenhausaufenthalten zuständig seien. Vielmehr seien die Krankenhäuser in der Verpflichtung. Nach Meinung von Günther Schinner seien solche Kosten mit den Pflegesätzen abgegolten.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Witten-Herdecke hat Helmut Budroni bereits mit einer Kollegin eine kleine Studie zum Thema durchgeführt. Er kann ebenfalls bestätigen, dass behinderte Menschen in Krankenhäusern oft unterversorgt sind. Die Infrastruktur allein wird in vielen Krankenhäusern nicht den Bedürfnissen behinderter Menschen gerecht. Hinzu kommen mangelnde Kenntnisse über viele Behinderungsarten hinzu. Helmut Budroni betonte, es gehe seiner Meinung nach nicht um einen "behinderungsbedingten Mehrbedarf", sondern vielmehr um einen "behinderungsbedingten Grundbedarf". Das bedeute, dieser Bedarf, der sich stets, ob in einem Krankenhaus oder außerhalb, sei stets vorhanden. Dieser unterscheide sich folglich regelmäßig vom Grundbedarf eines nicht behinderten Menschen. Auch im Alltag sei er durch seine schwer körperbehinderten und gleichzeitig blinden Brüder erst vor kurzem mit der Problematik konfrontiert worden.

v.l. Helmut Budroni, Priv.-Doz. Dr. med. Uwe Mellies, Karin Evers-Meyer, Elke Bartz, Günther Schinner und Ilona Brandt

v.l. Helmut Budroni, Priv.-Doz. Dr. med. Uwe Mellies, Karin Evers-Meyer, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Elke Bartz, Günther Schinner und Ilona Brandt

Die Erfahrungen der Zuhörerinnen und Zuhörer bestätigten die Aussagen der Podiumsteilnehmerinnen und –teilnehmer. Es gab sowohl positive Erfahrungen, wenn Assistenzpersonen oder Angehörige mit ins Krankenhaus genommen werden konnten, als auch negative, wenn dies nicht der Fall gewesen sei. Eine Zuhörerin meinte, dass der Bedarf vorhanden sei, würde wohl jedem einleuchten. Es dürfe jedoch nicht die Aufgabe des behinderten Menschen sein, sich um die Trägerzuständigkeit kümmern zu müssen. Die Zuständigkeit der Kostenübernahme müssten die Leistungsträger unter sich ausmachen.

Auf Nachfrage meinte Karin Evers-Meyer, Teilhabe müsse in allen Lebensbereichen möglich sein, folglich auch im Krankenhaus. Für sie stelle Pflege ein Bestandteil von Teilhabe dar. Sie wünschte der Kampagne viel Erfolg und sehe erwartungsvoll der Übergabe der Dokumentation, die die Ergebnisse darstellen, im Herbst des kommenden Jahres entgegen.

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