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Suche nach dem Leben

Suche nach dem Leben

Die ForseA-Weihnachtsgeschichte 2019

von Laura K. Brachtel, Wetzlar

Jetzt, da er im Bett lag, fielen seine Augen zu. Lukas freute sich auf den Besuch bei seinen Eltern. Morgen, am Heiligabend wollte er sie besuchen. Ein Assistent hatte sich bereit erklärt, ihn zu begleiten. Seine Eltern wussten Bescheid. Mit diesen Gedanken schlief Lukas ein. Schon bald vermischte sich Traum und Realität…

Alles könnte so schön sein; endlich fällt Schnee, Kinderaugen leuchten vor Freude, alle Menschen scheinen freundlich. Ja, wäre da nicht der Streit mit seinen Eltern. Er starrt auf seinen Computer. Für ihn kommt nur Büroarbeit in Frage; daher soll er Mathematik besser beherrschen können, behaupten seine Eltern. Doch er kann sich nicht konzentrieren. Alles andere nur das nicht! „Wann wirst du mal erwachsen?", wirft der Vater in den Raum. „Das ist immer so, wenn du dich in etwas reinsteigerst, dass du da nicht mehr du selbst bist, das habe ich bei dir sooft mitgemacht", jammert die Mutter. „Wie lange muss ich euch sagen, dass ich kein kleines Kind mehr bin", dachte er zu sagen, aber lässt es lieber sein, es hat doch keinen Sinn, die Eltern würden das sowieso nicht verstehen. Die kaufmännischen Rechnungen scheinen ihn nicht gerade anzulachen. Die donnernden Worte seiner Eltern hallen wie scharfe Messer in seinen Ohren wider. Zahlen sind wie Hieroglyphen. Keine Lösung. „Wozu braucht man das überhaupt" „Siehst du; du kannst dich nicht einmal auf die Aufgaben konzentrieren…"

Der Traum wandelte sich: Plötzlich findet er sich auf der Straße wieder. Die Rollen seines E-Rollis verkeilen sich in dem Schnee. Er hält den Joystick nun behutsam, fährt langsam zurück. Dann wieder rollt er nach vorn. Die Rollen knistern auf dem Schnee. Er will nur weg, weg von zu Hause, aber wohin? Er hat nur einen Rucksack, auf der Rückenlehne befestigt, darin waren seine „sieben Sachen", warme Socken, auch etwas zum Knuspern und Trinken. … Wo will er hin? Wie beantragt man Assistenz? Ach, wenn er doch bloß jemanden kennen würde, der ihm helfen könnte… Er trägt einen kleinen Zettel mit der Nummer einer Bekannten im Rucksack…

Wie aus einem Trancezustand erwachte er. Er guckte sich fast panisch um. Er hatte mal wieder von früher geträumt. Aber alles war so wie immer. Jetzt hatte er ja 24 Stunden Assistenz von sehr netten Assistenten. Also, keinen Grund zur Panik. – Das war eine sehr lange Geschichte… Das war früher, die Krisenzeiten hatte er längst hinter sich. Der Weg zur Freiheit war jedoch nicht auf Watte gebaut. Jeden Schritt, oder eher gesagt, jeden Zentimeter musste Lukas sich hart erkämpfen. Lukas musste zunächst dem Sozialamt eine Liste für seine Pflegetätigkeiten vorlegen – alles haarklein: welche Tätigkeit – wie lange – usw. Alles war sehr nervenaufreibend. Aber mit der nötigen Portion Willen lassen sich Berge versetzen… Er schickte die Ausarbeitung des Antrages auf Kostenübernahme an das Sozialamt. Er erinnerte sich, wie verzweifelt er war: Der Tag müsste 48 Stunden haben… Doch alles hat einmal ein Ende. In der nächsten Zeit also stellte er einen Kostenplan zusammen, in dem alle anfallenden Lohnkosten entsprechend seines hohen Assistenzbedarfs aufgeführt waren. Mit großer Aufregung wartete er auf Antwort. Es schien eine Ewigkeit, bis die Sachbearbeiter sich endlich rührten. Tage, Wochen vergingen, zwischendurch wurde sein Sachbearbeiter krank. Er musste wohl eine sehr bedrohliche Krankheit gehabt haben, denn sie dauerte einige Wochen. Vertretung gab es nicht. Endlich wurde er ins Sozialamt eingeladen, wie er im Sozialamt wartete, seine Situation schilderte wusste er noch genau. Immer wieder diese Scheinkompetenz, diese Scheinfreundlichkeit sINFORUM-Titelbild zur Weihnachtsgeschichte 2019eines Gegenübers. Es war wie ein Kampf gegen Windmühlen. Mit Schaudern erinnerte er sich…Zweimal wurde sein Antrag abgelehnt. Diese Briefe, in denen immer bedauernsheuchelnd stand: „Wir können Ihnen leider keine Unterstützung gewährleisten, da der Pflegeaufwand zu hoch ist". Wie Lukas das hasste!

Monate vergingen. Lukas hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben. Sein letzter „Strohhalm", an den er sich klammerte, war einen Anwalt zu beauftragen. Natürlich war er im stetigen Kontakt mit seinem Anwalt. das heißt: Lukas sendete ihm zuweilen die Ablehnung des Sozialamtes. An eine der vielen Formulierungen konnte sich Lukas erinnern, die in etwa lauteten: „Da ich auch nachts Hilfe benötige, brauche ich unbedingt Assistenz. Können Sie Widerspruch einlegen?" Mit seinen Formulierungen gelang es Lukas nicht wirklich, sich beim Sozialamt Gehör zu verschaffen. Es kam wie es kommen musste: Als letzte Instanz war nur noch die Möglichkeit vor Gericht zu gehen… Der Fall wurde im Gericht noch mal gründlich unter die Lupe genommen. Der große Saal mit den Stühlen sprang nun vor seinem geistigen Auge: Er wusste damals nicht, wozu die Stühle nutze waren – Zuschauer? Die immer höher werdenden Sitzreihen erinnerten eher an einen großen Kinosaal. Er entsann sich seiner fast tollkühnen Gedankenspiele… Er schmunzelte bei diesen Gedanken, und er vergaß fast den Ernst der Lage. Die Richterin nahm vorne am Pult Platz und diktierte seinen Fall in ein Diktiergerät. Die Gegner warfen Lukas nur mitleidige Blicke zu, ganz so, als wollten sie sagen: „Muss so was überhaupt sein?" mit „so was" war er gemeint. Lukas zitterte geradezu, er hörte sich noch heute sagen: „Ich brauche vollste Unterstützung in allem, vom Aufstehen, Zähneputzen und Waschen…"- Jemand hinter ihm lachte …; er fing an zu stottern. Sein Rechtsanwalt griff ein und schilderte die Situation: „Mein Mandant hat ein Anrecht auf Assistenz, …" An mehr konnte er sich nicht mehr erinnern. Denn ihm wurde schwarz vor Augen. Nur daran, dass sein Anwalt sagte: „Wir müssen noch die Begründung abwarten, es sieht aber gut aus."

Nach ein paar Wochen rief ihn sein Anwalt an und berichtete von guten Nachrichten: Er würde ihm das Schreiben vom Gericht zuschicken, in dem stände, dass er Anrecht auf die Unterstützung habe, die er beantragt habe… Seither waren drei Jahre vergangen. Es war wieder Weihnachten. Lukas freute sich auf den Besuch bei seinen Eltern; denn jetzt gab es keinen Streit mehr. Nun war er glücklich, so wie er heute lebte.

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