Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.


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Sie hatten einen Traum

Eine vorweihnachtlich-wunderliche Geschichte
von Isolde Hauschild nach einer Idee von Jens Merkel
Weihnachten 2011

WeihnachtsmannLangsam wurde es Zeit, die Weihnachtsdekoration vom Dachboden zu holen. Bald war der 1. Advent und die Zimmer sollten doch rechtzeitig geschmückt werden. Antje und Jürgen liebten die weihnachtliche Atmosphäre … wenn Weihnachtslieder leise durch die EngelRäume klangen, Kerzen ein warmes und angenehmes Licht verbreiteten und der Duft von selbstgebackenen Plätzchen in die Nase stieg. Obwohl Antje und Jürgen, beide SMArties, schon über 40 waren, lebten sie immer noch bei ihren Eltern. Wie jedes Jahr, ließen sie es sich auch dieses Jahr nicht nehmen, den Karton mit den weihnachtlichen Figuren und Kerzenleuchtern selbst vom Dachboden zu holen. Ihr Assistent Steffen war ihnen dabei behilflich. Eigentlich brauchten sie viel mehr Assistenz und dennoch mussten sie sich Steffen "teilen". Er kam am Tag nur wenige Stunden zur Entlastung ihrer Eltern. Der Traum, in einer eigenen Wohnung zu leben, schien in weite Ferne gerückt zu sein, seit das Sozialamt nur so wenige Stunden als angemessen genehmigt hatte.

WeihnachtsmannAuf dem Dachboden kamen sie ins Schmökern … Antje entdeckte ihr Spielzeug aus Kindertagen und sagte: "Ich denke manchmal daran, wie leicht und unbeschwert unsere Kindheit war." Jürgen fand ihr erstes Fotoalbum und sie erinnerten sich beide an die Schulzeit. Eine geeignete Schule am Wohnort gab es damals natürlich noch nicht, also blieb nur die Unterbringung in einem Internat weit von zu Hause entfernt. Dort verlief der Tagesablauf nach einem strengen Zeitplan. "Zum Glück konnten wir die Wochenenden zu Hause verbringen" sagte Jürgen. „Hier konnten wir selbst bestimmen, wann wir aufstehen, ob wir gebadet oder geduscht werden, oder was wir essen möchten." „Am schönsten war, dass wir selbst entscheiden konnten, wann wir abends ins Bett wollten. Kein Pfleger zeigte 19 Uhr auf die Uhr und sagte, jetzt wird es aber höchste Zeit …" meinte Antje lächelnd. Auf den letzten Seiten des Fotoalbums entdeckten sie Bilder vom Weihnachtsfest 1981. Es war das Jahr der Behinderten, das zu Ende ging. Jürgen erinnerte sich nur vage, dass ihre Eltern in diesen Tagen viel darüber diskutierten und vor allem abwägten, was es denn gebracht hatte.

WeihnachtsmannEngel"Wo steht denn der Karton mit der Weihnachtsdeko? Wir müssen uns beeilen, wenn wir heute noch alles dekorieren wollen. Ich muss doch in zwei Stunden schon gehen!" sagte Steffen. Jetzt merkten auch Antje und Jürgen, wie die Zeit verging. Steffen nahm schnell den Karton und sie fuhren hinunter in die warme Stube. Antje legte eine CD mit Weihnachtsliedern ein, aber ihr Vater wollte lieber die neuesten Nachrichten hören. Das gefiel Antje gar nicht. Immer wieder ging es um die Finanzkrise, die Eurokrise, Griechenland und da meist um  Sonderzahlungen … Über die UN-Behindertenrechtskonvention wurde nie berichtet. Da gab es anscheinend nichts Neues. Sollte die BRK in Deutschland überhaupt umgesetzt werden? Oder waren es Rechte für Menschen mit Behinderungen, die nur auf dem Papier existierten? Antje kamen schon lange Zweifel, denn bis jetzt stießen ihr Bruder und sie nur auf Ablehnung. Das frustrierte sie sehr, aber in all den Jahren hatte sie gelernt, dass sie für die Durchsetzung ihrer Rechte kämpfen musste. Deshalb wollte sie auch nicht jammern. Wie dem auch sei, der Antrag für eine bedarfsdeckende Assistenz lag seit einiger Zeit beim Sozialamt und Antje würde diesmal nicht locker lassen.

WeihnachtsmannSteffen kontrollierte gerade, ob die Glühlampe im Herrnhuter Stern noch in Ordnung war und Antje erklärte ihm, wie er den Stern an der Zimmerdecke befestigen sollte. Nebenbei hörten sie den Nachrichtensprecher sagen, dass die Bundesregierung beschlossen hatte, acht Milliarden Euro zusätzlich an Griechenland zu zahlen, um deren Schuldenberg schneller abzubauen. Dafür sollte das Geld so Engelschnell wie möglich, noch vor Weihnachten überbracht werden. Antje, Jürgen, ihre hoch betagten Eltern und auch Steffen konnten es kaum glauben. Das konnte doch nicht wahr sein! Überall musste gespart werden, überall hieß es, dafür ist kein Geld da! Für Antje und Jürgen waren nur wenige Assistenzstunden täglich bewilligt worden, so dass sie kaum über die Runden kamen. Außerdem wurde regelmäßig ihr Einkommen und Vermögen geprüft, denn wenn sie zuviel hätten, müssten sie einen Teil davon für die Assistenz einsetzen. Ihren behinderten Freunden ging es nicht anders. Diejenigen, die berufstätig waren, mussten sogar jeden Monat von ihrem Verdienst einen großen Teil für die Assistenz bezahlen. Das war so ungerecht! Kollegen, die nicht auf Assistenz angewiesen waren, konnten doch auch über ihr gesamtes Gehalt verfügen! Antje saß noch lange mit ihrem Bruder bei mehreren Gläsern Glühwein und diskutierte mit ihm über diese Meldung, Steffen war zu diesem Zeitpunkt längst gegangen. "Wir sind uns ja einig, wir müssen weiter für unsere Rechte kämpfen!" "Ja," antwortete Jürgen zustimmend „und zwar so lange, bis ALLE Verantwortlichen die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen. Denn durch die UN-Behindertenrechtskonvention sind solche Benachteiligungen, wie wir sie jeden Tag erfahren, ausgeschlossen!" Spät am Abend gingen sie schlafen …

WeihnachtsmannTraumbiild des umgeleiteten Schlittens … Antje und Jürgen wollten ein bisschen Spazieren rollen, sie brauchten einfach frische Luft. Das Wetter war, obwohl schon Dezember war, mild und ziemlich trüb. Antje beschloss ihren Schirm mitzunehmen, vielleicht regnete es noch. Man konnte ja nie wissen! Sie unterhielten sich und plötzlich sahen sie den Weihnachtsmann mit seinem  Schlitten. Der war vollgepackt mit Euro-Geldbündeln, die vier Rentiere schnaubten vor Anstrengung. Jürgen fiel die Nachricht wieder ein: "Sind das etwa die acht Milliarden für Griechenland?" "Sieh nur!" rief Antje. Unmittelbar über ihnen schwenkte er in eine Rechtskurve, dabei verlor er wenige Banknotenbündel bevor er Richtung Frankfurt davon flog … Antje spannte blitzschnell ihren Schirm auf und damit konnten die Geschwister die Euro-Bündel auffangen. Sie rollten schnell nach Hause und zählten die Banknoten. Es waren genau 12 Millionen! Was könnte man damit alles machen? Jürgen sagte: "Antje, hol mir doch mal die Unterlagen, die wir letzte Woche im Verein für Assistenznehmer diskutiert haben." Antje holte diese und schon im Hereinrollen wusste sie, warum ihr diese Zahl bekannt vorkam: Genau diese Summe war es, die der Staat jährlich einspart, weil er die Einkommen und Vermögen von Menschen mit Assistenzbedarf überprüft und diese dann auf den Freibetrag von 2600 € Vermögen und 728 € Einkommen begrenzt … Jürgen schreckte auf: "Wo bin ich?" Er sah Antje’s Schirm unbenutzt in der Ecke stehen und ihm wurde klar, dass der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten nur ein Traum war und sie keine Euro-Geldbündel aufgefangen hatten. Es war wohl doch ein bisschen zu viel Glühwein gewesen!

WeihnachtsmannAls die Familie einige Zeit später, es war der 23. Dezember, bei Kaffee und Mutters selbstgemachten Plätzchen zusammen saß, klingelte es an der Tür. Es war der Briefträger Herr Becker. Antje musste lächeln, ein bisschen sah der rundliche Herr Becker mit seinem weißen Bart wie der Weihnachtsmann aus. "Entschuldigen Sie die späte Störung" sagte er, "heute ist mein letzter Arbeitstag. Ich gehe in Rente und möchte den allerletzten Brief persönlich zustellen. Er ist von einem Gericht … aber ich habe das Gefühl, dass es gute Nachrichten sind!" Jürgen öffnete den Brief und staunte nicht schlecht. Er enthielt die Zielvereinbarung … das bedeutete, dass Antje und er endlich bedarfsdeckende Assistenz erhielten! Sie konnten endlich ihren so lang ersehnten Umzug in die eigenen vier Wände planen. Schon bald im neuen Jahr würde es soweit sein! Lange hatten sie dafür gekämpft und konnten nun die schon ausgewählten Assistenten einstellen. Der Vater von den beiden ließ es jetzt einfach raus: "Ja, ist denn heute schon Weihnachten?"

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