Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.


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Weihnachtsgeschichten » 2013 Begegnung in der Vorweihnacht


Wir freuen uns darüber, dass wir in diesem Jahr eine neue Autorin für unsere Weihnachtsgeschichte gewinnen konnten. Annette Hirt ist schon seit Jahren ehrenamtlich als Lektorin für das INFORUM tätig.

Begegnung in der Vorweihnacht

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

 

von Annette Hirt

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannThomas war durch den Supermarkt gehetzt. Einkaufen machte ihm sowieso keinen Spaß, und nun hatte er noch nicht mal alles bekommen, was er brauchte. Es fehlten die Kekse mit Zimt und Kardamom, die Tante Gerda so gerne aß und noch einiges andere. Unzufrieden setzte er sich in das Café der Bäckerei. Er wollte bei einer Tasse Kaffee entspannen. Doch es gelang ihm nicht. Woran lag das bloß? War der übliche Stress der Vorweihnachtszeit daran schuld? Oder, dass es in seiner Ehe in letzter Zeit nicht so gut lief? Oder die angespannte Situation auf der Arbeit? Man konnte nie wissen, wie lange man sie noch hatte.

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannMitten in seinen Gedanken wurde er von einem hellen, ansteckenden Lachen unterbrochen. Wer war denn da so fröhlich? Instinktiv drehte er sich um. Und sah eine Frau im Rollstuhl, die sich offenbar gar nicht bewegen konnte. Denn neben ihr saß eine andere Frau, die ihr gerade den Kaffee mit einem Strohhalm reichte. Die Frau im Rollstuhl nahm ein paar Schlucke, sprach mit der anderen Frau und fing wieder an zu lachen. Ja, es war ihr Lachen gewesen, was er gehört hatte.

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannThomas war fasziniert und verwirrt zugleich. Wie konnte ein Mensch mit diesen Lebensumständen so fröhlich sein? Würde er das können? Niemals! Der Gedanke ließ ihn nicht los, warum er, kräftig und bei bester Gesundheit, im Augenblick kein Lächeln zustande brachte, und diese Frau, die nicht mal die Hand heben konnte, eine von ganz innen kommende Fröhlichkeit ausstrahlte. Er musste der Sache auf den Grund gehen. Er tat etwas, was er sich selbst nie zugetraut hätte. Mit einem Ruck stand er auf, ging schnellen Schritts auf die Frau im Rollstuhl zu und sprach sie an. Na ja, zumindest wollte er das, aber jetzt, als er so direkt vor ihr stand, wusste er nicht, was er sagen sollte.

Figur am Absatzbeginn: Weihnachtsmann„Kann ich Ihnen helfen?", fragte sie ihn, keineswegs um Worte verlegen. Genau das war der springende Punkt. Er fühlte, dass sie Recht hatte. Er war hilflos, sie nicht, obwohl der äußere Anschein genau das Gegenteil ergab. Darüber kamen sie ins Gespräch, und er erfuhr viel über das Leben behinderter Menschen in Deutschland. Sie war so glücklich, weil sie es geschafft hatte, aus einem Heim auszuziehen und sich ein eigenes Leben mit Persönlicher Assistenz aufzubauen. Er wusste gar nicht, dass es so etwas gab und was Persönliche Assistenz bedeutete.

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannEr fragte immer weiter. Sie erzählte von der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und den Chancen, die sie bot. Auf einmal trübte sich ihr Blick und ihre Miene wurde finster. Sie erklärte ihm, dass diese so lebenswichtige Konvention für viele behinderte Menschen leider nur theoretische Möglichkeiten böte, weil sie von vielen Behörden einfach ignoriert würde. Aufgeregt fuhr sie fort: „Ein Sozialamt entscheidet so, ein anderes ganz anders. Das ist wie Russisches Roulette. Und das Schlimmste ist, dass Du sie auch bei nachweislich gesetzeswidrigen Entscheidungen nicht zur Verantwortung ziehen kannst."

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannErst jetzt wurde ihm klar, dass sie aus eigener Erfahrung sprach. Ihr Vater war Jurist und hatte ihr mit Rat und Tat zur Seite gestanden, als sie für die ihr zustehenden Rechte klagen musste. Was für ein Kampf um Dinge, die für ihn so selbstverständlich waren, dass er bisher nie darüber nachgedacht hatte: essen, worauf man Appetit hatte, schlafen, wenn man müde ist, das Leben mit all seinen Bedürfnissen frei gestalten zu können.

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannAls sie sich voneinander verabschiedeten, war eine Stunde vergangen, doch er hätte schwören können, es seien drei gewesen. Er nahm nicht den Bus, sondern schlenderte zu Fuß nach Hause, um sich alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Er hatte sehr schnell verstanden, dass behinderte Menschen oftmals mehr mit der Bürokratie als mit ihrer Behinderung zu kämpfen hatten. Die Frau von heute Nachmittag führte jedenfalls ein sehr erfülltes Leben, vielleicht sogar erfüllter als seines. Er schämte sich, dass er vorhin noch so hochmütig gewesen war, sein Leben als besser zu betrachten, nur weil er auf zwei Beinen stehen konnte. Jetzt war alles ganz anders. Er nahm sich vor, ein Menschenleben nie wieder so voreilig und oberflächlich zu beurteilen. Außerdem wollte er auch in anderen Menschen das Bewusstsein wecken, was diese Frau in ihm geweckt hatte. Er machte es gewissermaßen zu seiner Weihnachtsmission, die Menschen in seinem Umfeld an diesen Erkenntnissen teilhaben zu lassen und sie nach Kräften weiterzuverbreiten. Hoffentlich würde dann auch bald etwas davon in den Ämtern ankommen. Schließlich war doch Weihnachten die Zeit der Hoffnung und auch der Tatkraft.

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannAls seine Frau ihn begrüßte, fragte sie gleich: „Hast Du auch die Kekse für Tante Gerda mitgebracht?" Er zog sie zu sich aufs Sofa und sagte: „Vergiss die Kekse, ich muss Dir was erzählen!" Nach seinem Bericht war seine Frau ganz nachdenklich geworden. Sie wollte die Frau auch gerne kennenlernen, mehr erfahren über ihre Situation. Thomas hatte natürlich Adresse und Telefonnummer mit ihr ausgetauscht. Er rief sie an, und wurde sofort mit seiner Frau zum Adventskaffee eingeladen. „Dürfen wir auch unseren Sohn Tobias mitbringen?" „Ja, natürlich", antwortete sie „der Kontakt zu Kindern ist mir besonders wichtig."

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannAm darauffolgenden Sonntag machten sie sich zu dritt auf den Weg. In der Nacht hatte es heftig geschneit. Doch jetzt schien die Wintersonne milde auf die Schneelandschaft und brachte jeden einzelnen Schneekristall zum Glitzern und Funkeln. Seine Frau schmiegte sich an ihn und sagte: „Ein bisschen Respekt habe ich ja schon. Vielleicht sage ich etwas Dummes oder verhalte mich falsch." Thomas schmunzelte und meinte: „Genau dieses flaue Gefühl hatte ich im Supermarkt auch. Du wirst nicht glauben, wie schnell das verfliegt, wenn Du erst mal ein paar Worte mit ihr gewechselt hast."

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannDie Assistentin öffnete ihnen die Tür und führte sie in das kleine, sehr festlich geschmückte Wohnzimmer. Die Kerzen des Adventskranzes leuchteten einladend. Martina, so hieß ihre neue Bekanntschaft, begrüßte sie herzlich und schlug vor, dass sie sich alle duzten. Thomas Frau verlor sofort ihre Scheu, schnell waren sie in ein intensives Gespräch vertieft. Vieles, was Thomas ihr schon berichtet hatte, konnte sie gar nicht glauben. Nun wurde es ihr leider bestätigt, z.B. dass Martina zwar arbeitete, aber nur einen ganz geringen Teil ihres Verdienstes behalten durfte, alles andere wurde ihr vom Staat weggenommen, um ihre Assistenz zu finanzieren. Sie erklärte, es sei so, als ob man für die Behinderung bestraft würde. „Man braucht schon sehr viel Idealismus, um unter diesen unwürdigen Bedingungen überhaupt zu arbeiten."

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannThomas und seine Frau waren sehr betroffen. Als behinderter Mensch lebte man offensichtlich in einer Parallelwelt, in der die selbstverständlichsten Dinge der Welt nicht mehr selbstverständlich waren. Es klang wie die Beschreibung eines Horror Science-Fiction Films, nur dass man den Fernseher nicht ausschalten konnte. Dass Martina trotzdem so viel Mut, Hoffnung und Tatkraft ausstrahlte, beeindruckte die beiden sehr.

Figur am Absatzbeginn: WeihnachtsmannAls sie durch den knirschenden Schnee nach Hause liefen, waren sie voller widersprüchlicher Gefühle: sie waren traurig und erbost wegen dieser Ungerechtigkeiten, aber auch glücklich, dass sie Martina kannten und es ihr im Vergleich zu anderen behinderten Menschen gut ging. Aber vor allem fühlten sie sich um die Erfahrung reicher, dass man niemals aufgeben durfte. War das vielleicht ihr Weihnachtsgeschenk, dass sie Martina getroffen hatten? Tobias sprang durch den Schnee und war sich ganz sicher: Er würde Martina jedes Jahr einen Schneemann bauen.

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