Bundesverband
Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.


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Kronach (23. Mai 2001)

Selbstbestimmt und mit Würde leben - auch mit Behinderung und im Alter
17.00-19.00 Uhr in den Veranstaltungsräumen der Kreissparkasse Kronach / Ludwigsstadt, Kulmbacher-Straße 11, 96317 Kronach
Veranstalter: Stadt Kronach - Abteilung Jugend, Familie und Soziales in Kooperation mit der Behinderteninitiative Kronach
Kontakt: Rosemarie Schnappauf, Tel. 09261/627613 oder 09261/605312
E-Mail: Rosemarie.Schnappauf@KronachOnline.de

"Selbstbestimmt und mit Würde leben - auch mit Behinderung und im Alter"

Referentin: Frau Elke Bartz, Vorsitzende des Forums ForseA

Elke Bartz wird in einem Fachvortrag das sogenannte Arbeitgebermodell vorstellen, bei dem Betroffene sich ihre Hilfe selbst organisieren und dabei wesentlich flexibler leben können. Sie - selbst Rollstuhlfahrerin - wird ihre Erfahrungen einbringen und die rechtlichen und praktischen Möglichkeiten aufzeigen. Schwerbehinderte Menschen sind im Alltag häufig auf Assistenz (Pflege- und andere Hilfeleistungen) angewiesen. Betroffene, die sich ihre Hilfe selbst organisieren, können wesentlich flexibler leben. Über die Beratung von Betroffenen für Betroffene möchte sie versuchen, Schritt für Schritt behinderten Menschen zu mehr Selbstbewußtsein zu verhelfen. Neue Modelle sollen dazu entwickelt werden, um ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen und mehr Freiheiten für die eigene Lebensgestaltung zu gewinnen. Im Vordergrund dabei sollen nicht in erster Linie die Aspekten der Kosten diskutiert, sondern mehr nach den Bedürfnissen und Wünschen der behinderten Menschen gefragt werden.

Bei dieser Tour für Menschenwürde in der Pflege baut ForseA e.V. auf die Zusammenarbeit mit anderen Behindertenorganisationen und Initiativen vor Ort. Gemeinsam wollen sie einerseits behinderte Menschen und ihre Angehörigen, andererseits aber auch PolitikerInnen und BehördenmitarbeiterInnen über die Möglichkeiten für mehr Würde und Selbstbestimmung in der Pflege informieren und beraten. Deshalb besteht im Anschluß an den Vortrag die Möglichkeit zu Gesprächen und Fragen zur Gestaltung der persönlichen Lebenssituation.

Veranstalter: Behinderteninitiative Kronach in Kooperation mit der Stadt Kronach - Abteilung Jugend, Familie und Soziales, Marktplatz 5, 96317 Kronach, Tel. 09261/97204

Veranstaltungsbericht

Im sehr schönen Konferenzraum der Kreissparkasse Kronach/Ludwigstadt fand am 23. Mai die Veranstaltung "Selbstbestimmt und mit Würde leben - auch mit Behinderung und im Alter" statt.

Der Einladung der veranstaltenden Stadt Kronach - Abteilung Jugend, Familie und Soziales (J.F,S) sowie der Behinderteninitiative Kronach waren mehr als 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefolgt. Einer der am weitesten angereisten Gäste war Ministerialrat Hilmar Mainberger vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, der an diesem Abend eigens aus München kam. Aus Bayreuth kam von der oberfränkischen Regierung/Heimaufsicht Elisabeth Wietzel.

Rosemarie Schnappauf begrüßt die zahlreichen TeilnehmerInnen, daneben Elke Bartz als Referentin

Hubert Zapf, Leiter der Abteilung J.F.S. begrüßte stellvertretend für den ersten Bürgermeister Manfred Raum, der wegen Terminüberschneidung erst verspätet kommen konnte, die Anwesenden. Anschließend führte Rosemarie Schnappauf ins Thema ein. Sie freute sich sehr, dass die Assistenztour auch in Kronach Station machte. Dann gab sie das Wort an Elke Bartz weiter.

Diese stellte das ForseA, sowie die Hintergründe und Ziele der Tour vor. Danach erläuterte sie das Arbeitgebermodell unter den Aspekten der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Sie zeigte Möglichkeiten und Grenzen auf, berichtete von den Problemen bei der Finanzierung, sowie dem Umgang der Behörden mit AntragstellerInnen.

Auch in Kronach wurde deutlich, dass dort die Frage nach den Kosten Priorität hat. Außerdem war den Äußerungen, insbesondere der Verwaltung und der Politik, zu entnehmen, dass sie vielen Behinderten die Organisation des Arbeitgebermodells nicht zutrauen. Auch Bartz ist der Meinung, dass es nicht für jeden behinderten Menschen geeignet ist. "Die Frage stellt sich nur, ob jemand das wirklich nicht kann, oder ob er nur nicht die Möglichkeit hatte, die notwendigen Fähigkeiten zu erlernen." Da auch viele, die als ArbeitgeberInnen fungieren könnten, dies nicht wollen, muss es viele verschiedenen Hilfsangebote nebeneinander geben.

Bis auf zwei Ausnahmen hatte keiner der anwesenden behinderten Menschen je von dieser Art der Assistenznahme gehört. Kein Wunder, dass noch keine entsprechenden Anträge bei den Kostenträgern eingegangen sind.

Nach einem kurzen "Ausflug" ins SGB IX, dem am 1. Juli in Kraft tretenden neuen Rehabilitations- und Teilhabegesetz für behinderte Menschen, meinte Ministerialrat Mainberger, mit diesem Gesetz werde es in der Praxis noch viele Probleme geben. Man wisse immer noch nicht, wie sich viele Bestimmungen zueinander verhalten würden und sich umsetzen ließen. Besondere Bedenken hatte er unter anderem hinsichtlich der zu schaffenden Servicestellen.

Rosemarie Schnappauf als Vertreterin der Veranstalter vor Ort wird von einem Rund-funkreporter interviewt

Auch nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung gab es noch rege Diskussionen und Nachfragen.

Außerdem hat die Veranstaltung auch schon sehr kurzfristig positive Nachwirkungen. Zum Einen gab es einen umfangreichen Radiobericht. Zum Anderen thematisierte eine anwesende Leiterin einer Altenpflegeschule zwei Tage später die persönliche Assistenz in einer Unterrichtsstunde. Außerdem gab es von Teilnehmerinnen aus einer anderen Stadt schon eine konkrete Anfrage nach einer Veranstaltung.

Pressebericht vom 08.06.01 vom "Fränkischen Tag".

Wenn der Behinderte als Arbeitgeber auftritt

Vorsitzende des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen ForseA besucht Kronach

KRONACH. Krankenwagen - Krankenhaus - Pflegeheim, sind die Stationen, die man nach einem Unfall durchlaufen kann, jeden kann es treffen. Auch Elke Bartz, die Vorsitzende von ForseA, dem Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen, musste diesen Weg vor 25 Jahren nach einem Autounfall zunächst gehen.

von Peter Fiedler

Ganz schnell geriet sie von einem "freien" Leben in die Zwänge eines Pflegeheims, in dem schon aus strukturellen Gründen, auf Worte wie "Selbstbestimmung" kein Wert gelegt wurde.

Das Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen will einem solchen Schicksal vorbeugen oder es ändern. Das Image eines armen Würstchens, das auf fremde Hilfe angewiesen ist, will man abschaffen, indem man auf Assistenz angewiesene Menschen auf ihrem Weg zur Selbstbestimmung und natürlich darüber hinaus unterstützt.

Zu diesem Zweck ist Elke Bartz seit einigen Wochen auf einer Tournee durch deutsche Städte, tauscht Informationen und Erfahrungen aus, und macht vor allem bei Behinderten Werbung für das so genannte Arbeitgebermodell. Bei dem Arbeitgebermodell tritt ein pflegebedürftiger Behinderter als Arbeitgeber seiner ihn betreuenden und pflegenden Assistenten auf. Diese wird von ihm gegen Entgelt beschäftigt.

Das Arbeitgebermodell stellt für seinen behinderten Nutzer eine Möglichkeit dar, die erforderliche Hilfe bei alltäglichen Aktivitäten, wie Baden und Anziehen zur Toilette gehen, Einkaufen, Kochen und Saubermachen, zu erlangen. Assistenten unterstützen den Behinderten im Bedarfsfall auch bei der Arbeit, beim Stadtgang und beim Reisen. Sie helfen bei den Tätigkeiten, die der Behinderte selbständig ausführen würde, wenn er keine körperliche, sensorische, geistige oder Lernbehinderung hätte. Bezüglich der Berücksichtigung seiner individuellen Bedürfnisse und Wünsche hat der Nutzer des Arbeitgebermodells ein Optimum an Kontrolle. Er entscheidet im einzelnen darüber, wer die Assistenz, mit welchen Zielen, zu welcher Zeit, wo und wie leistet.

In Deutschland werde, so Elke Bartz, ständig gefordert, dass die durch Rationalisierung von Produktionsprozessen freigesetzten Menschen ihre Zukunft in der Dienstleistung suchen sollen. Das Arbeitgebermodell mit seinen vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten ist geradezu prädestiniert dafür. Hier wird nahezu jede eingesetzte Mark in Leistung umgesetzt. Diesen hohen Wirkungsgrad kann weder ein ambulanter Dienst, schon gar nicht eine Anstalt aufweisen. Ein weiterer volkswirtschaftlicher Vorteil besteht darin, dass aus vielen Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängern wieder Beitrags- und Steuerzahler werden. Sie wies darauf hin, die Hälfte der im Arbeitgebermodell eingesetzten Mittel fließe als Steuern und Sozialabgaben wieder an die Gesellschaft zurück. Rechnet man die eingesparten Arbeitslosengelder und Hilfen zum Lebensunterhalt der ansonsten arbeitslosen AssistentInnen hinzu, dann fällt die Bilanz noch wesentlich günstiger aus.

Der oft gehörte Einwand, dass aus der Sozialversicherung ja auch wieder Leistungen abfließen, zählt nicht, denn auch in der Arbeitslosigkeit bestehen Leistungsansprüche. Das Arbeitgebermodell habe also viele Vorteile, zu bedenken sei auch, dass wohl bald die Wehrpflicht abgeschafft und damit auch der Zivildienst fallen werde. Behinderte, die von einem Zivi betreut werden, sollten schon jetzt umdenken. Günstig sei das Arbeitgebermodell vor allem aber auch für die Arbeitnehmer. Oft seien dies schwer vermittelbare Personen, wie Mütter oder künstlerisch tätige Menschen, deren Zeiteinteilung sie auf dem "normalen" Arbeitsmarkt kaum eine Arbeit finden lässt.

Ablehnende Haltung

Leider haben viele Kostenträger immer noch eine ablehnende Haltung gegenüber diesem Modell, erzählte Elke Bartz. Ursache für die Verweigerungen seien in der Regel Kostengründe. Nicht selten verweisen Kostenträger, häufig gegen geltendes Recht, auf Anstalten oder andere fremdbestimmende Versorgungs- und Hilfeformen und missachten die realen Bedürfnisse und Wünsche der behinderten Menschen. Eine bedarfsgerechte, selbstbestimmte Assistenz ist aber die Basis für ein menschenwürdiges Leben als gleichberechtigtes Mitglied unserer Gesellschaft. Der Hinweis vieler Kostenträger auf die "Unverhältnismäßigkeit der Kosten", sei ein schwammiger Begriff und greife nicht. Es gebe einschlägige Gerichtsurteile, die belegen, dass für die Kosten nach oben keine Grenzen gesetzt sind. Auch die von den Behörden geforderte Mitwirkungspflicht der Behinderten laufe ins Leere, da das Heim geeignet und ein Umzug ins Heim zumutbar sein müsse. Meistens scheitert es schon an der Geeignetheit, spätestens aber an der Zumutbarkeit. Dem Menschen dürfe es nicht zu schwer fallen, sein Privatleben und sein soziales Umfeld aufzugeben.

Elke Bartz weiß aber aus Erfahrung: Wer im Heim sitzt, hat weniger Freunde, der Bekanntenkreis scheut sich Besuche anzutreten. In einer Behinderten- oder Pflegeanstalt kann die Menschenwürde nicht gewahrt werden. Dazu fehlt es nicht nur an Personal, auch die Strukturen erlauben nicht, dass auf die Würde des Menschen Rücksicht genommen wird. Jeder Insasse wird von der- oder demjenigen ge- und verpflegt, die oder der gerade Zeit hat oder auf dem Dienstplan steht. Auf persönliche Befindlichkeiten, insbesondere auch dem Wunsch nach gleichgeschlechtlicher Pflege, wird selten Rücksicht genommen.

Elke Bartz wies auch auf die finanziellen Probleme hin, die Menschen mit Behinderung, auch beim Arbeitgebermodell, treffen. Einem Anstaltsinsassen werde sein gesamtes Einkommen genommen. Was bleibe, sei ein Taschengeld. Auch ein eventuell vorhandenes Vermögen (zum Beispiel ein bis dahin selbst bewohntes Eigenheim) werde bis auf einen geringen Rest für die Finanzierung der Anstaltskosten eingesetzt. Ein derart wirtschaftlich gegen Null gefahrener Anstaltsinsasse komme schwerlich auf den Gedanken, es später nochmals mit dem Leben in Freiheit zu probieren.

Zuvor war Elke Bartz von Bürgermeister Manfred Raum und Hubert Zapf im Namen der Stadt Kronach empfangen worden. Beide hoben die Anstrengungen hervor, die die Stadt unternommen habe, um behindertengerechter zu werden.

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