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Inklusion, ein anderes Wort für Demokratie

Inklusion, ein anderes Wort für Demokratie

Veröffentlicht am 17. Februar 2023

Behinderung ist ungerecht. Der Versuch, diese Ungerechtigkeit auszugleichen, ist ein gesellschaftliches Großprojekt - eine Zeitenwende.

Kolumne von Prof. Dr. Heribert Prantl

Er ist Autor und Kolumnist der Süddeutschen Zeitung. Für die Rechte am Artikel und an den Fotos bedanken wir uns herzlich bei ihm und bei der Süddeutschen Zeitung

Prof. Dr. Heribert PrantlDas Wort Inklusion ist ein Modewort geworden. Es geht dabei aber nicht um Modisches, sondern um Wichtiges, um substanziell Demokratisches. Es geht um eine Zeitenwende, aber nicht um die, von der seit einem knappen Jahr allenthalben die Rede ist, sondern um einen gewaltigen Lernprozess - um die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die normale Alltagswelt, so gut es nur geht. Inklusion heißt Abbau von Barrieren, Inklusion heißt Zugänglichkeit, und zwar nicht nur zu Gebäuden und Verkehrsmitteln.

Inklusion ist kein bautechnisches, sondern ein gesellschaftspolitisches Prinzip, ein Großprojekt. Gemeint ist die Zugänglichkeit der Gesellschaft insgesamt, die gute Integration in Schule, Bildung und Ausbildung, im Arbeits- und Freizeitleben. Sie lässt sich nicht von oben verordnen nach dem Motto "Ab morgen Inklusion". Sie ist ein mühevoller, sensibler Lernprozess für alle Beteiligten, für Kinder mit und ohne Behinderung, für ihre Lehrer und ihre Eltern. Inklusion ist ein anderes Wort für Sozialstaat; es ist ein anderes Wort für Demokratie, weil Demokratie mehr ist als ein Wahlritual; sie ist eine Wertegemeinschaft.

Es ist ein bedauerliches Faktum: Die Natur ist ein Gerechtigkeitsrisiko. Der eine ist sein Leben lang gesund, der andere wird mit einer schweren Behinderung geboren. Vier bis fünf Prozent der Menschen sind von Geburt an behindert. Sehr viele Behinderungen werden erst im Lauf des Lebens erworben - durch Unfall oder Krankheit. Die besseren Gene hat sich niemand erarbeitet, das krankheitsfreie Leben auch nicht. Das Schicksal hat sie ihm zugeteilt, es teilt dabei ungerecht aus. Hier hat eine fürsorgliche Gesellschaft ihre Aufgaben. Sie sorgt dafür, dass der Mensch reale, nicht nur formale Chancen hat. Es geht um Schicksalskorrektur. Inklusion ist ein Name für dieses Projekt.

Der wichtigste Satz unserer Republik

Wir stehen vor einem Doppeljubiläum. Das Grundgesetz mit seinem grandiosen Artikel 1 wird im nächsten Jahr 75 Jahre alt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Dieser Satz ist der wichtigste Satz unserer Republik. Und ein zweiter sehr wichtiger Grundgesetz-Satz wird dann dreißig Jahre alt, einer, der die Würde der Menschen mit Behinderung in besonderer Weise berücksichtigt: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Er fordert zuallererst, Menschen mit Behinderung nicht zu verstecken und sie nicht am öffentlichen Leben zu hindern. Jahrzehntelang wurden Menschen mit Behinderung auf diese Weise unsichtbar gemacht, auch Kinder. Das geht nicht, das darf nicht sein. Ein Zehntel der Gesellschaft wurde ausgegrenzt und ausgeschlossen. Inklusion beginnt daher mit der Sichtbarmachung; und sie verwirklicht sich in exzellenter medizinischer Behandlung und Begleitung und kreativer sozialer Betreuung.

Behinderungen sind ungerecht. Inklusion kämpft an gegen diese Ungerechtigkeiten. "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden": Das ist ein Satz, der nicht einfach nur protestiert gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens; es ist ein Satz, der die Basis dafür schafft, dagegen etwas zu unternehmen. Er formuliert das Grundrecht auf Inklusion. Er schließt einen weiteren mit ein, einen, der nicht ausdrücklich im Grundgesetz steht, der sich aber aus dem Kontext ergibt: Eine Bevorzugung von Kindern mit Behinderung ist nicht verboten. Mehr noch: Sie ist geboten. Sie ist ein Nachteils- und Schicksalsausgleich.

Das Grundgesetz ist nicht zynisch. Es sagt nicht: Sei doch froh, dass es dir nicht noch schlechter geht. Es sagt: Demokratie ist eine Zukunftsgestaltungsgemeinschaft. Und du gehörst dazu, deiner Handicaps zum Trotz, du gehörst zu den Zukunftsgestaltern - und die Demokratie muss alles dafür tun, dass du dabei mitmachen kannst. Jegliche medizinische Hilfe gehört dazu. Inklusion bedeutet den Zugang zum Gesundheitssystem, zu Bildung und Ausbildung, sie bedeutet die Teilhabe am Arbeitsleben. Schule und Beruf - dabei geht es ja nicht nur um die Sicherung der Existenz, sondern auch um soziale Kontakte, um Selbstbestätigung. Auch Menschen, die nicht gehen können, sollen ihren Weg gehen können.

Kluge Pädagogik im Einzelfall

Eine räumliche Eingliederung allein reicht nicht. Die bloße Anwesenheit eines Kindes mit Behinderung in Prof. Dr. Heribert Prantleiner Regelklasse bewirkt nicht viel. Wenn es dann keine gezielte Förderung, keine kluge Einzelfallpädagogik gibt - dann ist solche räumliche Integration leere Präsentation, die womöglich nur Demotivation und Resignation mit sich bringt. Inklusion darf kein Vorwand sein für Sparfuchserei: Man darf sie nicht instrumentalisieren, um Kinder mit Behinderung einfach in Regelschulen zu stecken und sich so das Geld für Förderschulen zu sparen. Förderschulen können sehr gut und nützlich sein, wenn und weil sie den Kindern einen geschützten Raum mit wenig Leistungsdruck bieten.

Inklusion kostet Geld. Aber diese Inklusions-Zeitenwende kostet weniger als die andere, und ihr Mehrwert ist gewaltig, weil die Kultur des Helfens die Gesellschaft wunderbar verändern kann. Eine inklusive Gesellschaft wird ja nicht einfach nur dadurch verhindert, dass zu wenig Geld dafür da ist. Sie wird verhindert von einer falschen Vorstellung vom Menschen als unbeschränkt mobil, unbeschränkt belastbar und unbeschränkt leistungsfähig. Eine inklusive Gesellschaft entwickelt frühzeitig ein anderes Bild vom Menschsein: Es wird nicht mehr nur am Lineal von Ökonomie und Leistungsfähigkeit gemessen. Hilfebedürftigkeit gehört zum Menschsein: Das lehrt die Inklusion.

"Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen" - so steht es in der Präambel der Schweizer Verfassung. Das ist ein mutiger Satz, weil die Stärke eines Staates gern an ganz anderen Faktoren bemessen wird - wenn mehr Militär, mehr Polizei, mehr Gefängnis gefordert wird. Kaum jemand redet vom starken Staat, wenn es darum geht, eine angemessene Förderung von Menschen mit Behinderungen durchzusetzen. "Die Stärke misst sich am Wohl der Schwachen": Das ist ein starker Satz, auch wenn es so ist, dass schon die Bezeichnung "Schwache" infiziert ist von den Ausschließlichkeitskriterien der Leistungsgesellschaft. Die sogenannten Schwachen brauchen gute Hilfe und Assistenz, dann sind sie stark. Und ein starker Staat ist ein Staat, der sich um das Wohl der Schwachen kümmert, dabei merkt, dass die Schwachen gar nicht so schwach sind - und dann ihre Stärken, die Perfektion des Unperfekten, zu schätzen lernt. Das ist dann wirklich eine Zeitenwende.

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