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Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.


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Würzburg (01. Februar 2001)

Die Veranstaltung

Stimmen zur Veranstaltung

Presse zur Veranstaltung

auf dem Podium Bild vom Podium

Persönliche Assistenz - Politik in der Verantwortung: 
Aussonderung behinderter Menschen oder Leben in Gleichberechtigung?
Podiumsdiskussion mit Bundes-, Landes- und KommunalpolitikerInnen 19.00 Uhr im Felix-Fechenbach-Haus in Würzburg
Veranstalter: WüSL - Selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen in Würzburg e.V. Tel.:0931-50456 Fax: 0931-50455

Die Tour hat begonnen!

Bericht über die Podiumsdiskussion

Persönliche Assistenz - Politik in der Verantwortung: Aussonderung behinderter Menschen oder Leben in Gleichberechtigung?

im Würzburger Felix-Fechenbach-Haus am 1.2.2001 - die erste Station unserer "Tour für Menschenwürde in der Pflege"

von Elke Bartz

Würzburg * Eingeladen hatte WüSL (Selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderung Würzburg, e.V.) und etwa 150 behinderte und nichtbehinderte Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen. Besonders erfreulich war, dass es sich bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht nur um in der Behindertenarbeit Tätige handelte. So waren Menschen mit körperlichen und sogenannten geistigen Behinderungen genauso anwesend wie AssistentInnen und VertreterInnen von Selbsthilfeorganisationen. Letztere reisten u.a. aus München, Erlangen und Kassel an, was die Bedeutsamkeit des Themas unterstrich.

Hindergrund der Veranstaltung

Nicht nur unsere Tour für Menschenwürde in der Pflege und die Assistenzkampagne der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland - ISL e.V -, gaben Anlass zu dieser gut besuchten Veranstaltung. Gerade auch die besondere Situation dreier assistenznehmender Menschen, die in Würzburg leben (siehe diverse Seiten unserer Homepage) machten die Podiumsdiskussion geradezu zwangsläufig notwendig.

Mitwirkende der Podiumsdiskussion

Auf dem Podium saßen Christine Scheel, MdB und Vorsitzende des Finanzausschusses im Deutschen Bundestag, Angelika Huck, Referatsleiterin der Abteilung Eingliederungshilfe als Vertreterin von Bundesarbeitsminister Riester, Horst Frehe vom Forum behinderter Juristinnen und Juristen, Elke Bartz und WüSL-Vorstandsmitglied Barbara Windbergs. Moderiert wurde die Diskussion von Dr. Harald Ebert.

Wer fehlte

Der ebenfalls eingeladene Würzburger Oberbürgermeister Jürgen Weber hatte kurzfristig ohne Begründung abgesagt. Auch Sozialreferent Dr. Peter Motsch fand den Weg ins Felix-Fechenbach-Haus nicht. Das Fernbleiben der beiden Herren wurde allseits bedauert, da diesen als Verantwortlichen für die derzeitige Situation in Würzburg die Gelegenheit zum Dialog gegeben werden sollte.

Ablauf und Inhalt der Veranstaltung

Nach einer kurzen Begrüßung von Barbara Windbergs hielt Horst Frehe das Einführungsreferat (LINK zu 1.3.1.2.1.). Angelika Huck erläuterte das künftige SGB IX und hob insbesondere auch das darin verankerte Recht auf Arbeitsassistenz hervor. Jedoch betonte sie, dass das SGB IX kein Leistungsgesetz würde, da der Finanzierungsvorbehalt dadurch entstehende Mehrkosten verbiete. Christine Scheel unterstrich ebenfalls, wie wichtig eine Gesetzgebung wie das SGB IX und das künftige Gleichstellungsgesetz für die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen in der Gesellschaft sind. Elke Bartz zeigte an Fallbeispielen deutlich die Grenzen des SGB IX auf. Wer neben der Arbeitsassistenz auf persönliche Assistenz im Privatbereich angewiesen ist, wird - sofern die Leistungen der Pflegeversicherung dafür nicht ausreichen - auch künftig auf einkommens- und vermögensabhängige Leistungen nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) angewiesen sein.

Kommunale Unterschiede

Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, dass die Anwendung der (bundeseinheitlichen) Gesetze nicht nur von Bundesland zu Bundesland, sondern sogar von Kommune zu Kommune variieren. So ist es in Städten wie München kein Problem, persönliche Assistenz finanziert zu bekommen. Andere Städte wie Würzburg erkennen die individuellen Bedürfnisse assistenznehmender Menschen nicht an und verweisen aus Kostengründen auf vermeintlich kostengünstigere Anstalten und andere Versorgungsformen. Daher wurde die Forderung bekräftigt, dass § 3a BSHG, der den Kostenvergleich ermöglicht, gestrichen wird und die Vorrangigkeit der ambulanten vor der stationären Versorgung wesentlich gestärkt wird.

Einheitliche Rahmenbedingungen für die Beschäftigung von AssistentInnen

Horst Frehes Anregung, bundeseinheitliche Rahmenbedingungen für die Beschäftigung von AssistenInnen zu schaffen, damit nicht jeder einzelne behinderte Mensch die Modalitäten mit den Kostenträgern aushandeln muss, fand breite Zustimmung. In der Praxis reichen z.B. die Bewilligungen bei Kostenübernahmen derzeit von Tariflöhnen (jedoch nach unterschiedlichen Tarifen wie BAT und AVR) über Dumpinglöhne bis zu den deutlichen Aufforderungen, AssistentInnen ohne Anmeldung beim Finanzamt und den Sozialversicherungsträgern zu beschäftigen. Damit drängen die Kostenträger behinderte Menschen und AssistentInnen in die Illegalität. Laut Horst Frehe sind die Sozialhilfeträger die größten Finanziers von Schwarzarbeit.

Nachteile durch Kürzungen beim Zivildienst

Beim Thema Zivildienst und die Folgen der Kürzung der Zivildienstzeit sowie der Streichung von rund 30.000 Zivildienstplätzen wunderte sich Christine Scheel. Ihr wurde versichert, diese Kürzungen und Streichungen hätten keine Auswirkungen auf die Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung (ISB). Die Problematik der drei WürzburgerInnen kann jedoch als trauriges Paradebeispiel dafür dienen, wie sich die Realität gerade auch in diesem Bereich darstellt. - Es gilt, schon jetzt nach sinnvollen Alternativen für den Zivildienst zu suchen, falls dieser eines Tages vollkommen wegfällt. Steigende Kosten könnten unter anderem durch Einsparungen beim Wehr- und Zivildienst kompensiert werden. Barbara Windsbergs veranschaulichte, dass die Kosten für den Zivildienst nicht nur den Sold umfassen, sondern auch Ausfälle bei den Sozialversicherungsleistungen etc. Daher ist die Beschäftigung hauptamtlicher AssistentInnen und UnterstützerInnen gesamtgesellschaftlich gesehen längst nicht so kostenintensiv wie häufig dargestellt.

Wahlmöglichkeiten, wie die Hilfe organisiert wird

In der Diskussion wurde ebenfalls deutlich, wie wichtig es ist, unterschiedliche Hilfeformen zur Verfügung zu stellen, um den individuellen Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden. Nicht jede/r will und kann das Arbeitgebermodell praktizieren. Doch darf bei der Kostenbewilligung nur die Bedarfsdeckung und nicht die Höhe der Kosten zum Tragen kommen. Ein Mann mit Autismus verdeutlichte, wie schwer es ist, die für ihn geeignete Unterstützung zu erhalten. Diese Erfahrungen machen viele Menschen, deren Assistenz- und Unterstützungsbedarf sich nicht einfach nach Grundpflege, hauswirtschaftlicher Versorgung etc. definieren lässt (Anm. der Autorin).

Resümee der Veranstaltung

Bei der Veranstaltung wurde sehr deutlich, welchen Problemen behinderte Menschen gegenüberstehen, gleichgültig welche Beeinträchtigung sie haben und auf welche Art der Assistenz/Unterstützung sie angewiesen sind. Das SGB IX wird in einigen Bereichen eine mehr oder weniger deutliche Verbesserung bringen, aber längst nicht alle Probleme lösen. Veranstaltungen, Touren und Kampagnen werden sicher nicht zum letzten Mal durchgeführt werden müssen, bis behinderte Menschen tatsächlich alle notwendigen Nachteilsausgleiche erhalten.

Assistenz bei behinderten Menschen

Aus: Mainpost - Dienstag, 06.02.2001 - Stadt Würzburg

Aussonderung oder Gleichberechtigung?

 

GROMBÜHL (WOLF) · Die Veranstaltung von WüSL hatte eine Vorgeschichte.

Der OB hat eine Chance vertan, für eine überregionale Lösung des Assistenzproblems einzutreten, sagt die WüSL-Sprecherin Barbara Windbergs. WüSL, der Verein für "Selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderung Würzburg" hatte neben anderen Jürgen Weber eingeladen, um über "Persönliche Assistenz - Politik in der Verantwortung: Aussonderung behinderter Menschen oder Leben in Gleichberechtigung?" zu diskutieren.

Im Oktober hatte WüSL den Oberbürgermeister laut Windbergs eingeladen, nur wenige Tage vor der Veranstaltung habe er ohne Angabe von Gründen absagen lassen.

Die Veranstaltung hat eine Vorgeschichte: In Würzburg müssen drei Rollstuhlfahrer erhebliche Einschränkungen ihres bis jetzt selbstbestimmten Lebens fürchten, weil die Stadt die gestiegenen Kosten für die Betreuung ("Assistenz") deckeln will. Sie haben gegen den städtischen Bescheid geklagt. Vor allem im Internet wird die Stadt seit Monaten heftig für ihre Entscheidung angegriffen.

Windbergs sagte, die Auseinandersetzung sei "ein ziemlicher Hickhack". Sie findet eine überregionale Lösung wichtig, damit "die Finanzierung nicht alleine auf den Schultern der Stadt ruht."

Im ganzen Bundesgebiet haben Assistenznehmer ähnliche Probleme. Die "Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland" (ISL) startete eine bundesweite "Assistenzkampagne".

Im Rahmen dieser Kampagne hatte WüSL zur Diskussion ins Felix-Fechenbach-Haus geladen. Horst Frehe, Richter am Sozialgericht in Bremen und ein Vertreter der Selbstbestimmt-leben-Bewegung, forderte für die Betroffenen eine Reihe von Rechten: die Assistenten selbst auszuwählen, den Tagesablauf selbst zu organisieren, pflegende Personen selbst anzuleiten, selbst über den eigenen Aufenthalt und die Finanzen zu bestimmen und selbst zu entscheiden, von wem welche Leistungen angefordert werden. Frehe forderte einen "Wechsel vom entmündigenden Versorgungsdenken hin zu einem selbstbestimmten Leben."

Bundesarbeitsminister Walter Riester ließ sich durch die Regierungsdirektorin Angelika Huck vertreten. Sie berichtete von Verbesserungen für behinderte Menschen am Arbeitsplatz. Das Recht auf persönliche Assistenz sei aber noch nicht in ein Gesetz gefasst worden. Das habe finanzielle Gründe. Elke Bartz, die Vorsitzende des Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (Forsea) in Berlin, sagte, die Selbstbestimmt-leben-Bewegung wolle "Nachteilsausgleiche, keine Bevorzugung". Die Bewegung wolle "nicht nur mit dem Kriegsbeil rumrennen, sondern sich mit den Städten und Gemeinden verbünden".

Christine Scheel, bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Finanzausschusses im Bundestag, sprach sich für bundesweit einheitliche Regelungen aus. Natürlich müsse die ambulante Betreuung Vorrang haben.

 
Die Würzburger Situation

Die Existenz steht auf dem Spiel

Statement zur Würzburger Situation

Assistenz bedeutet für uns

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Die Existenz steht auf dem Spiel

Aufmerksame DiskutantenDrei behinderte Würzburger/innen sollen gezwungen werden, ihr selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung aufzugeben

Die aktuelle Situation

Drei Würzburger Buerger/innen, die aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigung rund um die Uhr auf Hilfe (Assistenz) angewiesen sind, leben seit vielen Jahren mit der notwendigen Assistenz in der eigenen Wohnung. Durch die Kontingentierung und Verkürzung des Zivildienstes stiegen ihre Assistenzkosten im Frühjahr 2000 jedoch um die Hälfte. Da die Stadt als Hauptkostenträger nicht gewillt ist, die Mehrkosten zu übernehmen, bangen die Betroffenen um ihre Existenzgrundlage in der eigenen Wohnung.

Die Stadt, die zwar "bis auf weiteres" zahlt, spricht den dreien die notwendige und seit Jahren gezahlte 24-Stunden-Assistenz als Überversorgung ab und versucht, die Leistungen um fast zwei Drittel auf neun bis zehn Stunden pro Tag zu kürzen. Die Betroffenen sollen gegen ihren Willen die eigenen Wohnungen aufgeben und in eine Art "Betreutes Wohnen" umziehen, das von der Konzeption her nur für Menschen mit geringerem Hilfebedarf ausgelegt ist. Bei Nichtannahme dieses Angebots bleibt ihnen nur die Unterversorgung in der eigenen Wohnung, was an Körperverletzung grenzen würde.

Die gegenwärtige ungewisse Situation ist für die Betroffenen enorm belastend, weil die Stadt sich vorbehält, jederzeit die Leistungsübernahme zu verweigern, und die Betroffenen gezwungen werden, ihr selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft vor Gericht einzuklagen.

Wir fordern daher die politisch Verantwortlichen der Stadt Würzburg auf:

  • - Kommen Sie Ihrer kommunalen Pflicht nach,
  • damit das Gerangel um die Mehrkosten nicht länger
  • auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen wird.
  • - Geben Sie die eindeutige Stellungnahme ab,
  • dass behinderte Menschen, die auf Assistenz angewiesen sind,
  • gleichberechtigte Buerger/innen der Stadt Würzburg sind und
  • keine störenden Kostenfaktoren.
  • - Beenden Sie das für die Betroffenen nervenaufreibende Aussitzen der
  • gegenwärtigen Situation und übernehmen Sie die Assistenzkosten
  • für den seit Jahren anerkannten und notwendigen Bedarf in voller Höhe.
  • Setzen Sie sich dafür ein, dass Assistenz-Leistungen in einem bundeseinheitlichen und bedarfsdeckenden Leistungsgesetz geregelt werden.

Auszug aus einem Flugblatt von WüSL (Selbstbestimmt Leben behinderter Menschen in Würzburg) für deren Kundgebung am 4. November 2000 in Würzburg

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Statement zur Würzburger Situation

von Barbara Windbergs, Vorsitzende von WüSL e.V.

Im Namen von WüSL - Selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderung Würzburg e.V. möchte ich alle Anwesenden herzlich zu unserer Informationsveranstaltung zum Thema "Persönliche Assistenz" begrüßen. Unter Assistenz verstehen wir die notwendigen Unterstützungsleistungen für Menschen mit einer schweren Beeinträchtigung (z. B. hohe Querschnittlähmung) in den Bereichen der Körperpflege, der Führung des Haushaltes und der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

Sie gibt den betroffenen Menschen die Möglichkeit, ihre Angelegenheiten als selbstbestimmte Individuen selbst zu regeln, sich aktiv am allgemeinen gesellschaftlichen Leben zu beteiligen und vor allem die für jeden Menschen ganz selbstverständlichen Grundbedürfnisse jederzeit befriedigen zu können.

Der Mensch ist durchschnittlich 14 Jahre seines Lebens behindert, dies belegt eine skandinavische Studie. Das bedeutet, dass jeder von uns über kürzere oder längere Zeiträume hinweg in den verschiedenen Phasen seines Lebens auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

Die Ursachen dafür sind vielfältig und uns allen bekannt:

Abgesehen von der totalen Abhängigkeit des Menschen in seinen ersten zwei Lebensjahren, kommt jede/r einmal in die Situation, durch Krankheit oder Unfall, oder aus welchen Gründen auch immer, von der Hilfe anderer abhängig zu sein.
Und im Alter erhöht sich unser aller Hilfebedarf erfahrungsgemäss in vielen Bereichen unseres alltäglichen Lebens. Abhängigkeiten jedoch sind für die meisten erst einmal schwer zu ertragen und ich denke, jede und jeder von uns weiß, wie wichtig es dann ist, Hilfen zu erhalten, die uns ermöglichen, unser Leben selbstbestimmt zu gestalten und unsere Würde zu behalten.

Nun gibt es aber auch Menschen, die beispielsweise aufgrund einer chronischen Erkrankung oder einer angeborenen oder im Laufe des Lebens erworbenen Beeinträchtigung dauerhaft oder über lange Zeiträume Hilfen benötigen, um ihr Leben gestalten zu können. In der Regel haben diese - die Gesellschaft spricht hier gern von "den Behinderten" - keine Wahlmöglichkeiten bezüglich ihrer Lebensgestaltung. Sie haben einfach in den diversen Institutionen zu leben, die nicht selten am Rande oder außerhalb der Gemeinden angesiedelt sind, und die sich die Gesellschaft, ohne dies zu hinterfragen, einiges kosten lässt.

Doch das Selbstverständnis behinderter Menschen hat sich in den letzten 30 Jahren verändert:

Wir wollen nicht länger als Objekte der Fürsorge und Betreuung unser Dasein fristen. Wir wollen als gleichberechtigte Bürgerinnen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, selbstbestimmt und mit Wahlmöglichkeiten, was unsere Lebensgestaltung anbelangt.

Eben dieses Recht der selbstbestimmten Wahl soll nun drei Würzburger Bürgerinnen entzogen werden. Es handelt sich um Rollstuhlfahrerinnen, die seit Jahren mit sogenannter 24-Stunden-Assistenz in der eigenen Wohnung leben. Ihr bereits vor Jahren hart erkämpftes Leben außerhalb einer Anstalt soll Ihnen zukünftig aus bloßen Kostengründen verweigert werden. Jahrelang zugestandener, weil nämlich notwendiger Bedarf an Hilfen, soll nun nicht mehr gewährt werden, obwohl er nach wie vor besteht. Die Stadt Würzburg stellt die drei vor folgende "Alternativen": entweder unterversorgt weiterhin in der eigenen Wohnung zu leben, was an Körperverletzung grenzen wuerde, oder in eine Wohnanlage mit sogenanntem betreuten Wohnen, das aufgrund der strukturellen Gegebenheiten ebenfalls Unterversorgung zur Folge hätte, umzuziehen. Beide "Angebote" der Stadt sind für die Betroffenen unzumutbar, denn sie haben sich in den vergangenen Jahren ein Leben in der Gemeinschaft aufgebaut, sie nehmen verschiedenste soziale Rollen wahr, arbeiten ehrenamtlich, pflegen Kontakte und nehmen am kulturellen Leben teil - genauso wie es für Sie alle, die Sie hier stehen, ganz selbstverständlich ist! Menschen einfach aufgrund ihrer Beeinträchtigung und gegen ihren Willen in Heime und Anstalten auszusondern, ist demütigend. Eine Gesellschaft, die dies zulässt oder gar mit allen Mitteln vorantreibt, ist in höchstem Masse unanständig.

Eine Gesellschaft, die ausschließlich aus Wirtschaftlichkeitsüberlegungen heraus die Menschen fremdbestimmt, verletzt die Menschenwürde. Und Fremdbestimmung birgt immer die Gefahr in sich, Leben zu entwerten.

Deshalb appellieren wir noch einmal an die politisch Verantwortlichen der Stadt Würzburg:

  • Orientieren Sie sich bei Ihrer Entscheidung an der Handhabung der anderen Kommunen in diesem Land und gestehen Sie den drei Würzburgerinnen weiterhin ein Leben in Freiheit und Würde zu.
  • Beenden Sie die für die Betroffenen nun seit Monaten anhaltende, zermürbende und nervenaufreibende Situation mit einem positiven Bescheid.
  • Es liegt in Ihrer Macht, eine menschenwürdige, eine anständige Entscheidung zu treffen.

Wir bitten Sie, die Sie uns Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben, erklären Sie sich solidarisch mit uns und unterschreiben Sie unsere Unterschriftenliste, die wir Herrn Oberbürgermeister Weber überreichen werden.

Rede von Barbara Windbergs von WüSL (Selbstbestimmt Leben von Menschen mit Behinderung Würzburg e.V.) für deren Kundgebung am 4. November 2000 in Würzburg

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Assistenz bedeutet für uns

Unter Assistenz verstehen wir die notwendigen Unterstützungsleistungen für Menschen mit einer schweren Beeinträchtigung (z. B. hohe Querschnittlähmung) in den Bereichen der Körperpflege, der Führung des Haushaltes und der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.
Sie gibt den betroffenen Menschen die Möglichkeit, ihre Angelegenheiten als selbstbestimmte Individuen selbst zu regeln, sich aktiv am allgemeinen gesellschaftlichen Leben zu beteiligen und vor allem die für jeden Menschen ganz selbstverständlichen Grundbedürfnisse jederzeit befriedigen zu können, wie zum Beispiel:

  • auf die Toilette zu können, wenn man den Drang verspürt, nicht eine oder zwei Stunden später, und zwar auch nachts
  • essen und trinken zu können, wenn man Hunger oder Durst hat,
  • oder wenn es aus gesundheitlichen Gründen ständig erforderlich ist
  • sich hinlegen bzw. aufstehen zu können, wenn man müde oder erschöpft ist
  • nachts gedreht zu werden, wenn man Schmerzen hat und nicht etwa nach einem festgelegten Plan
  • die Nase putzen zu können, wenn es nötig ist, auch alle drei Minuten, wenn man Schnupfen hat
  • sich zu kratzen, wenn es juckt
  • die Heizung anzudrehen, wenn es kalt ist und sie wieder zu drosseln, wenn es zu warm wird
  • die Wohnung verlassen zu können, zum Einkaufen, zum Arzt- oder Therapiebesuch, zu beruflicher oder ehrenamtlicher Tätigkeit, zu Behördengängen, zum Spazieren gehen, zur Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben der Gesellschaft, zum Besuch von Verwandten und Freunden und zur Gestaltung der Freizeit
  • - etc. etc.

Bedarfsdeckende Assistenz unter der Kontrolle der assistenznehmenden Person - nicht unter der Kontrolle einer Institution - stellt für Menschen mit einem hohen Assistenzbedarf den Schlüssel zum Leben innerhalb der Gesellschaft dar. Erst sie bildet die Basis für eine soziale und berufliche Eingliederung, und ermöglicht, das persönliche Potential in die Gesellschaft mit einzubringen.

Auszug aus einem Flugblatt von WüSL (Selbstbestimmt Leben behinderter Menschen in Würzburg) für deren Kundgebung am 4. November 2000 in Würzburg

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Die Veranstaltung 

Bericht über die Podiumsdiskussion

Einführungsreferat von Horst Frehe

Thesen zur Thematik von Horst Frehe

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Stimmen zur Veranstaltung

MdB Christine ScheelMdB Christine Scheel von Bündnis 90/DIE GRÜNEN und Vorsitzende des Finanzausschusses im Deutschen Bundestag, meinte, Veranstaltungen wie die Podiumsdiskussion in Würzburg seien für Politikerinnen und Politiker sehr wichtig und hilfreich. Nur vor Ort im Dialog mit den Betroffenen könne man sehen, wie die Gesetze gehandhabt werden und was für Auswirkungen dies auf das Leben der Betroffenen hat.

Angelika HuckAngelika Huck, Referatsleiterin für Eingliederungshilfe im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung erklärte, die Leistungen im Rahmen der Hilfe zur Pflege blieben zwar auch nach Einführung des SGB IX einkommens- und vermögensabhängig. Gesetze seien jedoch nie für alle Zeiten festgeschrieben, so dass auch hier Änderungen nicht unmöglich seien. Das SGB IX sei ein erster Schritt, dem weitere folgen können.

Ihsan Özdil, Vorsitzender einer Selbsthilfeorganisation in Coburg:
"Für mich war es sehr wichtig, dass den anwesenden Politikerinnen dargestellt wurde, welche Probleme assistenznehmende Menschen haben. Bei uns in Coburg ist zwar die reine Grundpflege gesichert, aber die behinderten Leute kommen kaum raus, weil sie fast keine Leistungen für die Hilfe außer Haus erhalten. Das muss dringend geändert werden. Ich finde die Tour für mehr Menschenwürde in der Pflege darum absolut gut und notwendig."

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